Skip to main content

Full text of "Zum 22. Januar 1894 ihrem hochverehrten Meister Eduard Zeller: Die Mitherausgeber des Archivs ..."

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 







I 


^^^^^M 


SJEL«,-a •SBICFOBD-J'.TTOR-WJIVEHSlirY 




j 


^^^H 


1 



Zum 22. Januar 1894 



ihrem hochverehrten Meister 



6 *»■ 



Eduard Zeller 



die Mitherausgeber 

des 

Archivs für Geschichte der Philosophie. 



D iel s, Aus dem Leben des Cynikers Diogenes. 
Dilthey, Aus der Zeit der Spinoza -Studien 

Goethe's. 

Erdmann, Zur Methode der Geschichte der 

Philosophie mit specieller Rücksicht auf 

die Metaphysik des Cartesius. 

Stein, Das erste Auftreten der griechischen 

Philosophie unter den Arabern. 






V ^ ^ «. ^ « 
j « tf «• 

' "• <• « • • 






• •••••• •• • • • ^» 

Be-r^lV». : : 

Druck von Georg Reimer 

1894. 

/- 



••• • 

k •• • -".- • •••"• • • • -•' • • 

• •• «».v. • •• •••••«.•• 

• V. .,•••••• •••••• 

• v ^ ^ m •••••«••• 

»V ■ • •« • • * Ay * • • 

1196Ö3 



• • • 

• • • • 






Aus dem Letten des Cyniters Diogenes. 

Hermann Dlels in Berlin. 

,ÄU3 der Jugendzeit des Diogeuea wisseo wir aithta weiter 
als dass er aus Sinope gebürtig war, dasa sein Vater mkesias 
Wechselgeachäfte trieb und den Sohn früh zu demselben Geschäfte 
anhielt. Der Vater scheute sicli nicht neben dem Geschäfte des 
Wechslers auch das eines Falachmünzers zu betreiben und den 
Sohn in dasselbe bei Zeiten einzuweihen. Diesem acheint nun 
freilich gleich anfangs nicht ganz wohl zu Mute gewesen zu sein 
bei dieser geheimen Hauamünze, aber er beruhigte sich darüber 
und hatte später sogar die Schwäche, sein Gewissen auf eine wahr- 
haft perfide Weise durch jesuitische Auslegung eines Götteraus- 
spruchs zum Schweigen zu bringen. Als fertiger Falschmünzer 
kam er näiolich auch nach Delphi in deu Tempel des Apollon. 
Dort hätte er sich nun, als er in den Vortempe! trat und die 
Sprüche überlas, die dort standen, an den klaren Spruch : „Erkenne 
Dich selbst" halten sollen; aber sein Leichtsinn mit dem Humor 
gepaart, der ihm von jeher eigen war, haltete mit Vei^nügen auf 
dem doppelsinnigen Spruche „Auf die Münze präg' den eignen 
Stempel". Er" überredete sich der Spruch enthalte eine offenbare 
Billigung seines Falsch münzei^eschäftes und so durch seine falsch- 
raünzerische Interpretation des Göttorspruches scheinbar beruhigt, 
kam er wieder nach Sinope und münzte mit seinem Vater fort, 
bis die Strafe über beide hereinbrach. Der Vater starb im Ge- 
fängnis, der Sohn suchte das Weite; die Acht ward über dem Flie- 
henden ausgesprochen, der sich nach Athen wendete." 




Also lautet ungefähr der Boman, den Göttitng, der Biograph 
des Cynikers '), von dessen Jugeudloben zu berichten weias. Aehn- 
Ueh, nur etwas confuser erzählt I,aertios Diogenes', und ähnliches 
müssen auch bereit» die alexandriniscben Litteraten gefabelt haben. 

Nnn ist es ja heutzutage unzweifelhaft, dass weder im Tempel 
zu Delphi noch zu Detos der Spruch itapct^äpaEov -h v6jna\y^ ge- 
standen haben kann, da er in seiner eigentlichen Bedeutung sinn- 
los and in übertragener jedenfalls für die heiligen Statten, die 
Schützer und Bewahrer dea vÖjao;, ungeeignet ist, ganz abgesehen 
davon, dass eine solche Sentenz vor dem fünften Jahrhunderte 
überhaupt undenkbar wäre und ganz abgesehen von den metrischen 
Spielereien, die Göttling'), nicht zu seinem Ruhme, mit den an- 
geblieh Pj-thiscben Spruchen getrieben hat. Aber der Kern der 
Erzählung, dass der Gyniker in seiner Jugend Falachmnnzer ge- 
wesen sei, wird trotz der scharfsinnigen Bedenken, die bereits 
Steinhart*) dagegen vorgebracht hatte, noch immer aufrecht erhal- 
ten; wie ich glaube, mit Unrecht. 

Zunächst ist es lediglich eine Vermutung Göttlings, dass jener 
Falschmünzerspruch zu den altberälimten, in der Vorhalle zu Del- 
phi angeschriebenen, gehöre. Vielmehr behauptet die alexandri- 
niscbe Biographie, von der Diokles (Laertios), Julian und Suidas 
abhängig sind, ausdröckliwh, der Orakelspruch sei dem Diogenes 
persönlich auf seine Anfrage erteilt worden. Diokles bringt nun 
in dem Wirrwar streitiger Naclirichten über die angebliche Falsch- 
münzerei des Diogenes oder seines Vatei-s, die wertvolle Notiz, dass 
Diogenes sich selbst in seinem Dialoge Pordalis*) zur Falschmün- 



') Diogenei der Cffiiiker odtr die Phitotophie des jrwcAiscAsn Prohlsriatn in 
AhkaniUiingttt aua dan elasi. Aliirtam I (Halle 1S51) 251ff. 

") a. 0. S. 231 ff. 

>) Erach u. Graber Encydop. S. I, B. SXV (1834) S. 302. 

•) Laert. VI -20 h -^i^ nopitOau Die Hdss. hier jtopSiftqi. Das richtige 
Wort gibt der Katalog der Diogenischea Schriften zweimal § 80 als üdpSaXi:, 
naS neben iter Form niSpiiiXic (altdialectische, vermutlich üoligcba Nebenfarm) 
stehen bleiben kann. Welche Symbolik Diogenes an den Namen der ge- 
fleckten Bestie gehnüpfl bat, weiäs icb nicht, aber dass der Titel nirkiich diese 
meint, beweist die Reihenfolge der Dialoge 'lij^Jn;, Ko^oii;, lldpiaiit im Ka- 



kas dem Laben des (Tyitikers Dfagenss. 5 

zerei bekannt habe (A; napayapöEai zh v^iuaiia). Die« Bekenntuis 
scheint mir eine andere als die wörtliche Erklärung nicht nur zu 
gostatten, sondern zu fordern. 

Verstehen wir nemlich dies Sündenbekenntnis wörtlich, so 
mag ja das Prahlen mit Dingen, die nach der gewöhnlichen Moral 
infam, nach der cynischen Adiaphora sind, der Persönlichkeit des 
Diogenes Kugetraut werden, aber unveratiindlich würo dann die 
Verbindung mit dem delphischen Gotte, zu der ja doch diese in 
Sinope begangenen Jugendsünde gar keine Veranlassung gab, in 
der antiken Biagraphik. Wir werden daher jene Seibatbezichtigung 
etwas anders verstehen müssen. 

Wie Sokrates sich als Sohn einer Hebamme der Maioutik 
rühmte und zur Bestätigung seines Berufes sich auf den delphi- 
sclien Gott berief, der ihn durch das Orakel des Chairephon wie 
durch den alten Spruch Pviööi aeauTÖv, zur Selbstprüfung und Men- 
schonpriifung autorisirt habe, ao wird Diogenes, die Caricatur des 
Sokrates, sich mit Beziehung auf den Beruf seines Vaters, des Tra- 
peziten Hikesias mit seiner Falschmünzerei aufgespielt haben, die er 
im Auftrage de.-i Pythischen Gottes treiben roiisse. Er wird es als seine 
heilige Aufgabe hingestellt haben, das Natui^esetz an die Stelle der 
MeiischensatKung, das Wissen an die Stelle des Glaubens, die Phi- 
losophie an die Stelle der traditionellen Bildung zu setzen, mit 
einem Worte: die gültige Moral umzuwerten, TWpa^apaSat li vö[j.i3[ia. 
Das ist das Schlagwort des Cynismus, ja man kann sagen der 
ganzen Sokratik. So hat das Wort schon Julian veretanden und 
mit Sokrates in Beziehung gesetzt"), und offenbar schwebte es auch 



") Or. VII p. 3I1B t( Sh eIttev i Szii if fojiEv; Sit x^s töiv ttoXXüiv airip 
ii^i iithaitM Ei^epopäv xal Trapa^nprfTTtiv oü dji dl/,8£tov (jWd tö v(ifj.iO[ia 
(=Ta vO(«tiifi.!va p. 211c) und VI p. 188 Dff. vergloichl er ja dieser Beziehung 
die Attschouung des Sokrates (Krilon p. 44o). Auch die alten Biographen 
Latten teilweise nacli die Ahnung den wirklichen SuchTerbaUes Laerl. VI 20 
■CDU hi suT^iup^QavTo; TD ^oXiTixAv v6ii,iaita, dl> ouvstc, td x^pfia iT^i^Hjkcfiat, vo 
das Misvcrstäudois dem Cyniker scWist ia die Schulte gescbotien wird, eiafill- 
tiger Weise. Verständig dagegen Diokles (denn seine Art epricbt sich hier aus) 
VI 71; ToiaijTa BceW^eto (fiiakrjijLvitif Keiske) xai noiüv, äyaivtTO ävcuis vil|ii5(Mi 
impaj^apsiTTiuv (tt]iiv dStui toi^ xari vojiov iit toit xbtä tpOan B(5o6i. Was das 
Wart TTspaxapdmiv betrilTt, so beisst ea allerdings gewühnliuh die Uänzo fü- 



ß Hermann Diels, Aus dem Leben des Cynikers Diogenes. 

Friedrich Nietzsche noch von seinen Laertiosstudien her vor der 
Seele, als er die grosse moralische Revolution, die nach seiner 
Meinung durch Sokrates und die Juden hervorgerufen worden ist, 
als „Umwertung der Moral" bezeichnete, die nun seinerseits wieder 
auf die richtige Währung „jenseits von Gut und Böse" zurückge- 
prägt werden müsse. 



sehen, %(ß$7]Xe6stv, kann aber wie icapairoieiv u.'dgl. zunächst nur die neutrale 
Bedeutung, die Münze durch Anwendung eines andern Stempels (yapaxxi^p) 
verändern, haben (vgl. Percy Gardner Ciassical Review VII, 1893, S. 437 ff.). 



Aus der Zeit der Spinoza-Studien Goethe's. 



WUhelm DUther jd Berlin. 

[m Goethe -Archiv fandoo sich neunrdings drei zusammeoge- 
hörigo Bogen voa der Hand der Frau von Stein. Sie enthalten 
einen kleinen Aufsatz, dictirt und mit augenscheinlicher Beziehung 
auf Spinoza. Suphan hat diesen Auisatz im Goctho- Jahrbuch (1891) 
unter dem obenstehenden Titel herausgegeben und mit einer ge- 
schichtlichen Erläuterung begleitet. Nun ist er auch in die Wei- 
marer Goethe-Ausgabo aufgenommen. 

Ueber den Verfasser und die Zeit dieses Aufsatzes konnte 
unter Goethe-Kundigen kein Zweifel sein. Wir wissen, dass Goethe 
im Winter 1784/85 zuerst den Spinoza gelesen hat '). Er las 
ihn gemeinsam mit Frau von Stein. Er suchte zur selben Zeit 
in Gesprächen mit Herder sich philosophisch mit Spinoza ausein- 
anderzusetzen. Hierzu hatte ihn die vertrauliche Mittheilung des 
Lesaing'schen Gesprächs durch Fr. H. Jacobi und dann dessen Be- 
such im September 1784 angeregt. Dass diese Anregung ein an- 
haltendes metaphysisches Intere.sse für Spinoza zur Folge hatte, 
war tiefer durch das voraufgegangene und auch damals fortdauernde 
Symphilosopbieren mit Herder bedingt. Auf den so vorbereiteten 
Boden fiel der Eindruck aus der Loktüre Spinoza'a. Diese Lek- 
türe war schon Mitte November in vollem Gang. Am 11. No- 
vember 1784 achreibt Goethe an Knebel, dass er mit der Frau 
von Stein Spinoza'a Ethik lese, und er fügt hinzu: „Ich fühle mich 



') Vgl. 1 



,. den folgenden Brief Herders an Jncobi 20. Dez. 64. 



r 



8 Wilhelm Dilthey, 

ihm sehr nahe, obgleich sein Geiat viel tiefer and reiner ist alm 
der meinige." Sie lasen zunächst die deutsche üebersetzung, danff 
brachte Goethe aus Jena ein geliehenes Exemplar des lateinischen] 
Spinoza mit, uod zu Weihnachten 1784 erhielt er von Herder s 
dessen Bibliothek einen lateinischen Spinoza zum Geschenk. 
„Goethe", so schreibt Herder 20. Dezember 1784 an Jacobi, „hat 
seit Da weg bist, den Spinoza gelesen, und es ist mir ein grosser j 
Probirstein, daaa er ihn ganz so verstanden, wie ich ihn verstehe."! 
Und Goethe selbst schreibt am 12. Januar 1785: ^Ich lese und! 
lese ihn wieder." In dieser Epoche hat zweifellos Goethe der 1 
Frau V. Stein den Aufsatz dictirt. Dass ihn Goethe verfasste, 
dass er ihn damals verfasste, dafür sprechen, neben den angege- 
benen noch andere äussere Indicien, welche alle Snphan in seiner 
Erläuterung sorgfältig zusammengestellt hat; es wird aber auoh 
bestätigt durch innere Merkmale des Styls, der seelischen Stim- 
mung sowie des Verhältnisses der hier geäusserten Gedanken za 
den Dichtungen Goethe's aus der entsprechenden Epoche; dies VeN 
hältniss wird sich im Folgenden ei^eben. 

So entsteht die Aufgabe, das merkwüi'dige Dokument für das 
Verständnis» Goethes zu verwerten. Da das niemand bisher ver- 
sucht hat, mochte ich zu einer solchen Verwertung durch die fol- 
genden Bemerkungen anregen. Mehr als das beabsichtigen diese 
Bemerkungen nicht. Ich lasse nun zuerst, um mich verständlich 
zu machen, den Aufsatz selbst folgen und füge nur Ziffern zu den 
einzelnen Sätzen hinzu. 



De 



Aufsatz Gl 



ethe 



I Der Begriff toih Daseyn und der Vollkomeiilieit ist ein und eben der- 

1 selbe; wen wir diesen DegrifT so weit Terfolgen als es uns möglich ist so 

sagen wir dass wir ima das Unendliche denckeu. 
i Das Uneadlicbs aber oder die volstiadigc Gxistens kan von uns nicht 

gedacht werden; 
ä Wir können nur Dinge dencken die entweder beschränckt sind oder 

die sich unilre Soole beschrankt. Wir haben also in so fem einen Begriff 
t vom Unendlichen als wir uns dencken können da^s es eine TOlatündige 

Eiislens gebe welche aul'er der b'aüuugsli rafft eines bescbräuckten Geistes 



Man kan nicht sagen d 



s das Unendliche Theile habe. 



Ans der Zeit der Spinor.a- Stadien Ooethe's. 9 

Alle beachränckte Eiiatenzen siod im Unendlichen, sind aber keine e 
Theile des UaeDtllichen sie netimen Tielmehr Tbeil un der Unendlichkeit. 7 

Wir können uns nicht denken dass etims Beschräncktes durch sich 8 
selbst eitistu'e, und doch exlstirt alles würcklicb durch sich selbst, ob gleich 9 
die Zust^de so verkettet sind dass einer aus den andern sich entwickeln lo 
muss und es also scheint dass ein Üing vom andern hervorgebracht werde, ii 
welches aber nicht ist; sondern ein. lebendiges Wesen giebt dem andern i» 
Anlass zu seyn und nüthigt es in einem hestimoiteii Zustand zu eiisiiren. la 

Jedes existirende Ding hat also sein Dasejrn in sich, und so auch die 14 
Uebereinslimmung nach der es esistirt. 

Das Messen eines Dings ist eine grobe Handlung, die auf lebendige is 
Körper nicht anders als höchst unvolkommeu angewendet werden kan. 

Ein lebendig existirendes Ding kan durch nichts gemessen worden was 
auier ihm ist, sondern wenn es ja geschehen solte, raufte es den Maasstab 
selbst dazu hergeben, dieser aber ist buchst geistig und kan durch die 
Sinne nicht gefunden werden; schon beym Zirckel lässt sich dss Uaas des lu 
Diameters nicht auf die Perieferie anwenden. So hat mai 
mechanisch meflen wollen, die Mahler haben den Kopf ais d 
Theil zu der Einheit des Maafes genommen, es Ifisst sich aber doch das- 
selbe nicht ohne sehr kleine und unaussprechliche Brüche auf die übrigen 
Glieder anwenden; 

In jedem lebendigen Wesen sind das was wir Theile nennen dergestalt 
unzei'trennlich vom Ganzen dass sie nur In und mit denselben begrilTen 
werden können, und es können weder die Theile 7.Tua Maas des Ganzen H 
noch das Ganze zum Maas der Theile angewendet werden, und so nimt 
wie wir oben gesagt haben ein eingeschräncktes lebendiges Wesen Theil is 
an der Unendlichkeit oder viel mehr es hat etwas unendliches in sich, wen in 
wir nicht lieber sagen wollen dass wir den Begriff der Existeus und der Vol- 
kommenheit des eingeecbräncktestea lebendigen Wesens nicht ganz faßon i» 
können und es also eben so wie das Ungeheure Ganze in dem alle Exi- 
stenzen begriffen sind, für unendlich erklären maßen. 

Der Dinge die wir gewahr werden ist eine ungeheure Menge, die Ver- 
hMtnllie derselben die unsre Seele ergreifen kan sind äuTerxt manigfaltig. so 
Seelen die eine innre Erafft bähen sieb auszubreiten, fangen an zu ordnen 
am sich die Erkeutniss zu erleichtern, fangen an zu fügen und ku verbin- 
den uin iüm Genuss 7,u gelangen. 

Wir müssen also alle Etistens und Volkommenheit in uuJlre Seele der 
gestalt beschi^ncken dass sie unDrer Natur und unOrer Art zu dencken und -31 
zu empfinden angemeüen werden; dann sagen wir erst dass wir eine Sache 
begreifen oder sie geniesen. 

Wird die Seele ein Verhältnis» gleichsam im Keime gewahr deßen Har- 
monie wen sie ganz entwickelt wäre, sie nicht gtinz auf einmahl überschauen aa 
oder empfinden künte, so nennen wir diesen Eindruck erhiiben, und es ist 
der herrlichste der einer menschlichen Seele zu theile tcerdeu kan. 

Wen wir ein Verhültniss erblicken welches in seiner ganzen Entfaltuug 21 



r 




■ Saela eben hinreichl 

tiieudo DiDge ihr Ver- 
se wohl eiozelo uls ia 
r nur aus ibrem volatändi^a 
1 dieses Doseyn tlieils auf 
leicht faßec künaen i: 

rn ergreifen J 



10 Wilhelm Dilthoy, 

zu äberscbauen oder xu ergreifen das fSa.33 uqDl 
dann nennen wir den Eindruck gross. 

34 Wir haben oben gesagt, daas alle lebendig ex 

bältniss in sich haben, den Eindruck also den &l 
Verbindung mit andern auf uns machen, wen er ui 
Dasejn entspringt, nennen wir wahr und 

» eine solche Weiae bescbränckt ist dass wir 

einem solciien Verhältniss zu unOrer Natur stehet dass n 
mögen, nennen wir den Gegenstand schön. 

Ein gleiches geschieht wen sich Menschen nach ihrer Fähigkeit < 
Ganzes, es sey so reich oder arm als es wolle, von dem Zusammenhange i 
der Dinge gebildet und nunmehr den Kreiß zugeschlossen haben- Sie wer- j 
den dasjenige was sie am bequemsten dencken, worin sie einen Genuas | 
finden können, für das gewiBeste und sicherste halten, ja man wird meisten- 
theils bemercken dass sie andere welche sich nicht so leicht beruhigen - j 
und mehr VerhältnvOe gütlicher und menschlicher Dinge aufzusuchen und J 
zu erkennen streben, mit einem zufriedenen Mitleid ansehen und bey jeder | 
Gelegenheit bescheideu trotzig merken laßen dass sie im Wahren i 
Sicherheit gefunden welche über allen Beweiss und Verstund erhaben sey. , 
Sie können nicht genug ihre inere beneidenswerthe Kühe und Freude ruh- | 

se men und diese Glückseeügkeit einem jeden als das letzte Ziel andeuten. 
Da sie aber weder klar za entdecken im Stande sind auf welchem Weg aia 
zu dieser Ueber^eugung gelangen, noch was eigendlich der Grund dersel- 
bigeu sey, sondern bloss von Gewlusheii als Gewissheit sprechen, so bleibt 
auch dem lehrbegierigen wenig Trost bey ihnen indem er immer hörea 
muss, das Gemuht mülle immer einfältiger und einlalliger werden, sich n 
anf einem Punckt hinrichten, sich aller manigfaltigen Verwirrenden Verhält- i 
nifle entschlagen und nur alsdenn könne man aber auch um desto sicher« j 
in einem Zustande sein Glück finden, der ein freywilliges Gescbenck nnd "1 
eine besondere Gabe Gottes sey. 

Nun mögten wir zwar nach unürer Art xu dencken diese Beschranckung 
keine Gabe nennen weil ein Mangel nicht als eine Gabe angesehen werden 
kan, wohl aber mögten wir es als eine Gnade der Natur ansehen dass sie, 
da der Mensch nur meist zu unv eis tändigen Begriffen zu gelangen im 
Staude ist, sie ihn doch mit einer solchen Zufriedenheit in seiner Enge 
versorgt hat. 

Goethes Pantheisrnua in seiner Ausbildung vor der 

Weimarer Zoit. 

fioethe hat zn jeder Zeit seines Lebens bezweifelt, dass ein 

»llgem ein giltiges metaphysisches System im Bereich menchlichen 

Erkennens liege. Er sonderte stets eiti Unerforschlicheä von dem 

was wir denkend erreichen können. „Der Mensch ist nicht geboren 



Ann der Zeit der Spino»;»- Studien Ooethe'tt. 



11 



diu Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das 
Problem angeht, und sich sodann in der Grenze des Begreiflichen 
zu halten" '). Die Energie, mit der wir uns dem ünerforschlichen 
in der Sphäre des Begreiflichen nShern, ist bedingt durch den Zug 
in uns, im Handeln und Bilden zu ihm in Be/.iehuQg zu treten. 
Durch das Leben selbst erfahren wir am besten was an ihm sei. 
Wie er in die männlichen Jahre kam, dehnte sich ihm die Sphäre 
des Begreiflichen, Fassbaren, dessen was wir langen und erreichen 
können, weiter aus. Im Älter gewann das Gefühl der Unerforsch- 
lichkeit des Wirklichen wieder mehr Macht aber seine Seele. Wie 
dies der natürliche Gang der Lebensalter ist. 

Aber dies lebendige Sinnen und Denken über die Natur und 
den Menschen war von einer Gruiid^timmung getragen, welche 
seinem dichterischen Naturell entsprang. Das lebendigste Gefühl 
des eignen inneren Zustandea war immer in ihm. Dasein und 
Lebensgofühl desselben waren in ihm ungetrennt. Wo das freu- 
dige Bewusstsein seiner Selbst gehemmt war, da war mitten im 
Schmerz die Zuversicht, dass die Dissonanz sich lösen müsse. Alles 
was er dai-stellte war Zustandsbild, Leben, das auch durch Schuld 
und Kampf zur Läuterung und einem verklärteren, milderen, von 
Resignation erfüllten Glückszustand führt. So war ihm auch die 
Welt immer vom Licht der eigenen Lebensfreudigkeit bestrahlt. 
Die sinnliche Schönheit alles Wirklichen empfand er beständig. 
Wirklichkeit war ihm so der Sitz der Vollkommenheit. Er suchte 
keine vollkommene Welt ausser der, von welcher er ein Theil 
war. Sie ei'schien seinem Dichtergeiste als höchst lebendig, schön, 
unerforschlich. Diese Gemüthsverfassung und ihre Darstellung in 
einem Weltbild während die,ser verschiedenen Stadien nenne ich 
seinen Pantheismus. 

Das älteste Dokument seiner Wcltansicht sind die Epheme- 
ridcu, sein Tagebuch von 1770. I. Es zeigt mannichfaltige Lek- 
türe von Schriften, welche der Menschonkenntniss dienen konnten, 
ein be.sondrea Interesse für das Un ausschöpfbare des Lebens, für 
Mystiker wie Ägrippa und Paracelsus, Er notirt aus Cicero; „und 



") Eckermanii I 156, 



12 



'ithelm Dilthe;, 



da Alles durchdrungen uud erfüllt von ewigem Sinn und gott- 
iichem Geist iat, müssen durch dio Verwandtschaft mit den gött- 
lichen Geistern auch die Menachengeister bewegt werden".') Älleal 
Mystische zieht ihn an. Da führt ihn nun aber ßayle auf Gioi^, 
dano Bruno, uud er vertheidigt eine von Bayle citirte Stelle des 
Pantheiaten der Renaissance gegen den Philosophen der Zerrissen- 
heit. ,Das Eine, das Unendliche, das Seiende und daß was im Gan- 
zen uud durch das Ganze hin ist, das ist dasselbe überall. Daher 
die unendliche Ausdehnung, weil sie keine Grosse ist, mit dem In- 
dividuum zusammenfällt. Wie ja auch die unendliche Vielheit, weil 
sie keine Zahl ist, mit der Einheit zusammenfällt.' ') Er selb.st spricht 
sich emanatistisch oder pantheistisch aus. ,Gctr6nnt über Gott und 
über die Natur der Dinge handeln ist schwierig und gefährlich, 
wie wenn wir über Körper und Seele einzeln denken. Die Seele 
erkennen wir nur vermittelst des Körpers, Gott nur durch den 
Einblick in die Natur. Daher scheint mir tlioricht, die der Tlior- 
heit zu zeihen, welche acht philosophisch Gott mit der Welt ver- 
knüpft haben. Denn Alles was ist muss zum Wesen Gottes ge- 
hÖi%n, da Gott das einzige Wirkliche ist und Alles umfasst.' Das 
ganze Alterthum ist für Goethe Zeuge dieser Denkart, er bezeichnet 
sie als Emanatismus, wie dieser ja auch thatsächlich zum Pan- 
theismus hinüberliihrt, und er beklagt nur, dass , dieser so reinen 
Lehre im Spinozismus ein so böser Bruder erwachsen ist', wobei 
er offenbar wiederum aus Bayle seinen Begrüt' von Spinoza ge- 
schöpft hat. Die Weltseeleu-Lehre der Stoa, der Naturalismus des 
Lucrez, insbesondere aber der Pantheismus des Bruno klingen in 
dieser Ansicht an. 

Das zweite Dokument ist der Werther. Schon 1772 schrieb 
Goethe: „was die Natur uns zeigt, ist Kraft, die Kraft ver- 
schlingt; nichts gegenwärtig, Alles vorübergehend, tausend Keime 
zertreten, jeden Augenblick tausend geboren, gross und bedeutend, 
mannigfaltig in's Unendliche, schön und hÜsslich, gut und böse, 
alles mit gleichem Recht netH)u einander. Die Kunst eutspringt 



I 



') Aus Cic. de iliviaatione. 

*) De la causa, principia et uqo, praeiniale epiatola. 



Oer 'Spinoza -Studien Ooetbe's. 

aus dcD Bemühungen des Individaums, sich gegen die zerstörende 
Kraft des Universums zu erhalten," Der ganze Werther (1774) ist 
dann aufgebaut auf das Princip der Natur im Gegensatz zur Con- 
vention. In diesem ist aber die ZnsammeugehÖriglieit der Menschen 
untereinander und mit dorn unermeaslichen Naturganzen enthalten. 
Die Heimlichkeit der Einschränkung dus Daseins, das befriedigte 
Gefühl der Eoge des Lebens, in welchem wir uns doch von dem un- 
ermesalichen Ganzen, wie von einem Horizont umgeben und zu ihm 
hingezogen finden: das ist der Grund-Akkord, mit welchem das 
Werk anhebt. Man kann sagen, da,ss das Verhältniss der einge- 
schränkten Intelligenz zum Universum bei Goethe nur der Reflex 
dieses Lebensgefühla in der Sphäre des Erkennens ist. „Die thätigen 
und forschenden Kräfte des Menschon sind eingesperrt." „Alle 
Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens ist nur eine 
träumende - Resignation, da man sich die Wände, zwischen denen 
man gefangen sitzt mit bunten Gestalten und lichten Ausaichteu 
bemalt." (Werther I. Buch 22. Mai.) So entsteht mitten im heim- 
lichen Gefühl des nächsten Zusammenhangs mit der nächsten Natur 
das Streben, das Unendliche sich anzueignen. „Wie oft habe ich 
mich mit Fittichen eines Kranichs, der über mich hinflog, zu dem 
Ufer des ungemessonen Meeres gesehnt, aus dem schäumenden Becher 
des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken und 
nur einen Augenblick in der eingescJn'änkten Kraft meines Busens 
einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das Alles in 
sich und durch sich hervorbringt."') Dann am 18. August: Dies 
Unendliche ist nicht ein Jenseitiges, eondern „das innere glühende, 
heilige Leben der Natur" selber, „die unendliche Welt". Und sie 
wird nach dem Gesetz der eigenen Phantasie als Quollen, aL< Kei- 
men, als ewiger Wechsel, Gebären und Vernichten autgel'asst. Ja 
unter dem Druck des Leidens erscheint dasselbe Universum natu- 
ralistisch als „ewig wiederkäuendes Ungeheuer", welches vordem in 
der freudigen Ruhe der Anschauung panthcistisch als göttliches Le- 



") Vgl. Shaftesbury II, S. 42!J. Wie oft macht ich nicht den Versuch, wie 
oft wiigt ich mich mit aehüellem Schwunge iu den tiefen Ocean der Welten. 
Da«u 427. Vollkommeriatas Symbol liieaer Gmiidatiinmung Fauat, Spatziergang. 



t der Protest^^^H 
sen Lectüra ^^H 



li 



ben sich darstellte. Aus demselben Gnmdgefühl stammt d 
gegen die Tranaceodeoz im Prometheus, durch dessen 
Leasings Bekenntnis^ zu dem ,EiDs und Alles' im Gesprüch mit 
Jacobi veranlasst wurde. Aus ihm ist gleichzeitig mit dem Werther 
der erste Faust niedergeschrieben worden. Darin in Einem grossen 
Wurf die Verkündigung des emanatiatisch angeschauten Alleinea 
(„Wie Alles sich zum Ganzen webt etc." vgl. das Religionsgeapräch}, 
zugleich aber die Darstellung des Unvermögons der menschliulieD 
Erkoüütniss, auch nur die Kral't, die das Erdganze durchwaltet, 
verstehen (Weltgeist, Erdgeist uud Faust). 

Der Aufsatz Natur. 

Das nächste Dokument ist der Aufsatz Natur, welcher 1782 
im Tiofurter Journal er-schieu. 

Nachdem dieser Aufsatz lange Gegenstand höchster Bewun- 
derung und eine llauptquelle für die Entwicklung der Natnrausicht 
Goothe's- gewesen ist, erfahren wir durch die scharlsinnigen Aua- 
einandei-setzungen Rudolf Stein er' s, von welchem wir auch die bei- 
den musterhaften Ausgaben der naturwissenschaftlichen Schriften 
Goethe's besitzen, dass derselbe höchst wahrscheinlich von Tobler 
nach Gesprächen Goethe's im Sommer 1781 niedergeschriebeu ist 
Tobler war im Sommer 1781 in Weimar. Er genosa als philosophi- 
scher Kopf da ein ausserordentliches Ansehn. Goethe hatte „mit 
ihm über diese Gegenstände oft gesprochen". Er führte olfenbat 
selbst auf diesen intimen geistigen Verkehr mit Tobler den Inhalt 
dieses Aufsatzes zurück und fand nur, dass er selber dem Aufsatz 
vielleicht diese Leichtigkeit und Weichheit nicht hätte geben können. 
Im Uobrigen müaate Tobler als Verfasser dieses Anfsatzea auch sti- 
listiach sich ganz nach Goethe geformt haben, dessen Einfluaa auf 
seine Umgebung damals ja ausserordentlich war. Nun muss aber ein 
anderes Moment hinzugenommen werden, daa Steiner nicht berück- 
sichtigt hat. Tobler als Verfasser des Aufsatzes muss zunächst 
von der Rhapsodie Shaftesbury's inspirirt gewesen sein. Und ao 
ergiebt sich als wahrscheinlichste Annahme, dass Tobler nach dem 
Vorbild der Rhapsodie von Shaftesbury einen Hymnus auf die 



I 



Aua äet Zeit der S 



i-Studien Goethe's. 



15 



Natur abfasste und in demselben die verwandton und ihm ver- 
trauten Goethe'acheo Änachauuiigeu vereinigte. 

Suphan hat bereits feinsinnig mehroro Börührungen des Auf- 
satzes Natur einerseits mit Shaftesbury, andererseits mit Herder her- 
aasgehoben. ') Shaftosbury hat aber äberhaupt auf dies ganne iisthe- 
tische Zeitalter, auf Wieland, Herder, Goethe und Schiller einen Ein- 
fluss geübt, welcher dem von Spinoza ganz gleicbwerthig gewesen 
ist. Beide Denker leiten dann auf G-iordaoo Bruno zurück. Herder 
hatte auf die hier entscheid end^ Partie in Shafteabury Rhapsodie 
frühe seine Aufmerksamkeit gerichtet. Beündet sich doch seine 
dichterische Behandlung dioaer Partie, der Lobgesang auf die Natur, 
schon in dem „Buch der Gräfin" von 1773 handschriftlicli, sonach 
fällt die Aufnahme des Pantheismus von Shaftosbury in Her- 
der's Gedanken vor die Einwirkung Spinoza's auf um. 

Der Einheitspunkt so verschiedener! Einwirkungen liegt in 
Shaftesbury's Auffassung der Natur unter dem Gesichtspunkt 
des künatlurischen Vermögens. Die ursprüngliche allverbrei- 
tende, alles belebende Seele des Universums, das unermessliche We- 
sen, das durch ungeheure Räume eine unendliche Menge von Kör- 
pern ausgestreut hat, wirkt in ihnen als eine künstlerisch bildende 
Kraft. Hierdurch ist die von Shaftesbury angewandte Porsoniflca- 
tion der Natur bedingt. Er redet sie an. Darin folgt ihm der 
Naturhymnus. 

Ich hebe nim einige Belege für die Uebereinstimmung zwischen 
Shaftesbury und dem Aufsatz über die Natur aus meiner Samm- 
lung heraus. Herder hat dann den Aufsatz Natur immer zur 
Hand gehabt und benutzt; durch ihn wirkte zunächst Goethe auf 
ihn, dann trat für die Kenntniss der einzelnen in der Technik der 
Natur enthaltenen Verfahrungs weisen seit August 1783 die vertraute 
Freundschaft mit Goethe hinzu. Ueber das Verhältniss Schiller's 
zu Shaftesbuy werde ich an andrer Stelle handeln. 



•) Suphan: Goethe und Spinoza S. 13._2G, ders.: Goethe und Herder in 
der D. Rundachiu S. 6d. Ders.: in dtir Anmerkung lu Uerder's Werke B.22 
S, 350 vergl. B. 12 S. 430. Letztere Cilale waren mir entgangen, als ich Ar- 
chiv 11,45 auf die Verwandtschaften einzelner Stellen aufmarksan] machte. 



Unorforachliclikeit der Natur. 



Natur. ^^1 



Sliaftesbury. Skepticiamus. Aufsatz aber die Natur. 

„Dein Wesen, ist unbegrlo/t, un- „NaturI Wir aiud voa ihr noigeben 

eribrechlich , undurohdriugliuh. hi und umschlungen — unTermngend, aus 

Daiuer Unermesslichbeit verlieren aich ihr herauszutreteu, und uuvermrigead, 

alle Gedanken. Wie oft macht'' ich tiefor in sie hineinzukommen, 
nicht den Versuch, wie oft wagt' ich Wir leben mitten in ihr und siad- ;; 

mich mit schneilem Sehwimge in den ibr fremde. Sie spricht anaitfh5rti 



und verrüth uns ihr Gek 
nicht. Wir wirken beständig a 
und haben doch keine Oewalt nbcj^ 
Sie lebt in lauter Kindern, 

Sie bat keiiu 



tiefen Ocean der Welten; aber sobald 

kehr' ich nicht in mich selbst zurück, 

SD schlägt das Gefühl meines Ba enge 

beschränkten Wesens, und der Fülle 

seines Unendlichen, so gewaltig mich die Mutter, wo ist ai 

nieder, dass ich's nicht länger wage Sprache noch Rede. 

in den fürchterlich od Abgrund m Jedem erscheint sie in e 

schauen, oder die Tiefe der Gottheit neu Gestalt. Sie verbirgt si( 

XD ergründen.' (S. 429.) send Namen und Firmen uid 

In einer Unendlichkeit von Din- dieselbe, 
gen, die in wechselseitiger Beziehung Sie hüllt den Menschen in Dum] 

unter einander stehen, kann ein Geist, beit ein und spornt ihn ewig 
der nicht die Unendlichkeit durch- Lichte. Sie macht ihn abhängig 
schaut, unmügtich etwas völlig sehen. Erde, trag und schwer, und schüt 
(S. 451 ff. 457.) ihn immer wieder auf." 

NiLberer Beweis: I) unsre Kennt- Schilderung der Natur im gan» 

uiss der Bewegungen reicht nicht iu's Aufsatz durch Wideraprüchi 
Innere der Kürper, 2) die Zeit ist als ' ' ....... 

unmerklicher Punkt für unsere Fas- 
sungskraft zu klein, als Ewigkeit über- 
schreitet sie dieselbe. 3) Der Raum 
als Sitz des all erfüllen den güttlichen 
Wesens (Newton) ist ein Abgrund für 
die Erkenntniaa. 4) Wie Gedanke sua 
Materie und Bewegung oder diese aus 
Gedanke entspringen könne, ist uner- 
forschlicti. 



lieblich nii4'J 
schrecklich, veränderlich und geseU-J 
lieh, ganz und immer unvollendet, 
uud in uns und fremd. Jedem < 
scheint sie in einer eigenen Gestalt. 
Vergl. Goethes Aufsatz über ä ' 
Granit, naturw. Sehr. 9, 173, 



Die Natur isl überall ^ 

Shaftesbury. 
,Wi6 können wir den 
grossen allgemeinen Welt- 
geist verwerfen f Wie kön- 
nen wir so unnatürlich 
sein, die göttliche Natur, 
unsere gemeinschaftliche 
Mutter, ta veriüugnen und 
uns weigern, den höch- 
sten allbeseelteu, allre- 
giarondeu Genius zu su- 
chen und zu erkennen.' 
{S. 437.) 



D einem einheitlichen Frincip beseelt und güttliol 
die Mutter aller Dinge. 
Aufsatz über die Natur. Herder. 

,Sie lebt in lauter Ein- Erster Entwurf 

dem, und die Mutter, Ideen 13, 447: «Grosa^ 
wo ist sie? Mutter, Deine Kraft i 

Gedacht hat sie und überall ganz und i 
sinnt beständig; aber lieh." 
nicht als ein Mensch, son- 
dern als Natur." 

Vcrgl. Granit 8. 173. 



175. 



Ans der Zeit der Spinoza- Stnäien Goettte'a. 



f Shilflesbury. 

Beneis eines ve 

gendeii g-eistigen 

I cipB in der Salur S. 



Herder. 



Einheit is allen Inditiduis der Natur. 

Aufsatz über dio Natur. 

ireini- , Jedes ihrer Werke , Jedes Deiner Werke 

Prin- bat ein eigenes Wesen, nmehtest Du gaui und 

443ff, jede ihrer Erscheinungen Eins und sich nur seibat 

den isolirtesten Begriff gleich ; Du schufst es 

und docb macht Alles gleichsaco von iuaen her- 

Gresse Mutterl Deine 
Kraft ist überall ganz und 
unendlich ; allenthalben 
basl Du compensiret.' 



Sbttftesbury. 

Sie wird von 
ihm nur durch die 
Gesetze der grossen 
rotireuden Massen 
im Universum, ins- 
besondere durch die 



Gleichartigkeit des 
Äufsaw Natur. 
Die einheitliche 
Technik derKünst- 
lerin Natur in den 
Organismen wird 
überall aufgewie- 
sen. „Aucb das 
Xlnnatürlichäte ist 

Vergl. Granit S. 



ganzen üi 

Goethe. 
Grund Stimmung 
iinWerther,vgl. 
Hetnpersche Aus- 
gabe 14,19. Eben- 
Go in den Worten 



173, 




,Wa!d 
und Höhre": „Du 
führst die Reihe 
der Lebendigen 
vonmir vorbei und 
lehrst mich meine 
Brüder im stillen 
Busch, inLuft und 
Wasser kennen." 



Herder. 

Entwurf der er- 
sten drei Bücher 
der Ideen, Band 
13S.445; ,Vorauge 
des Menschen vor 
seinenBrädorn den 
Erdthieren". 

8.446: „Welche 
Unendlichkeit um- 
fasst mich, wenn 
ich, überzeugt und 
betroffen von tau- 
send Proben dieser 
Art, Natur! in Dei- 
nen heiligen Tem- 
pel trete. Kein 
Geschöpf bist Du 
voibci gegangen ; 
Du theiltest Dich 
Allem in Deiner 
Unermesslichkeit 
m it und j ed e r Punkt 
der Erde ist Mittel- 
punkt Deines Krei- 
ses." S. 447: ,Der 
Mensch ist ein Thier 
der Erde.' 

Die Natur hat sich aus einander gesetzt, um sich seibat zu geniessen und zu 
fühlen. Neue Form des Pantheismus, vgl. m. Darstellung Archiv U, 4. 
Shaftesbury. Aufsatz über die Natur. Herder. 

Die neuen Aubümm- ^Sie liebt sich selber ,Die Schöpfung ist da- 

linge schauen das Licht, und haftet ewig mit zu geschaffen, dass sie 
damit auch andere Zu- Augen und Herzen ebne auf jedem Punkte genos- 
schauer der herrlichen Zahl an sich selbst. Sie sen, gefühlt, gekostet 
Scene werden und gros- hat sich auaeinanderge- werde; es mussten also 
sere Mengen des Ge- setzt, um sich selbst zu mancherlei Organisalio- 
schenks der Natur genies- geniessen. Immer lasst nen sein, sie überall zu 
sen. (S. 45().) sie neue Gemessi^r er- fühlen und zu kosten. 

2 



r 




Verwandt mit dem 
obigon Anfang „sie liobt 
sich selbst etc." Spinoza 
V 3Ö, 36, und doch todt 
uud theologisch formel- 
haft gegen diese Isthe- 
tische Lebeniligkeit. 



Wilhelm Dilthey, 

Aufsatz über die Natur. Rerder. 

wachsen, unersättlich, . . . wenn sie von Mil--~] 

sich mit^uth eilen. liunen Geseböpfen a.\ 

Sie spielt ein Schau- allen ihren Seiten durct 
spiel: dS sie es selbst genossen, durchempfut 
sieht, wissen wir nicht, den wird." 
und doch spielt sie 's 
fnr uns, die wir in der 
Ecke stehen. 

[ch sprach nicht »on 
ihr. Nein, was wuhr i«t 
und was falsch ist, Alles 
hat sie gesprochen. Al- 
les ist ihre Schuld, Al- 
les igt ihr Verdienst. 
Ihr Schauspiel ist immer 

Zuschauet- schtiS't.'' 



Die Natur als Künstlerin. 



Shaftesburj. 

„Kennen wir aus dem, was uns 
sichtbar ist, anders schliessen, als dass 
Alles, wie in einem harmonischen 
Kunstwerke, zusammenhange ?" S.431. 
,0, heirliche Naiuri über Alles schön 
und gut! Alllieliend, all liebenswürdig, 
altgüitlich 1 derenBlicke so unwidersteh- 
lich reizend, so unendlich beiaubernd 
sind; deren Erforschung so viel Weis* 
heit, deren Betrachtung soviel Wonne 
gewährt; deren kleinstes Werk eine 
reichere Scene, ein edleres Schauspiel 
darstellt, als Alles was je die Kunst 
erbnd I" 

„Die Quelle und Urgrund ulier 
Schönheit und Vollkommenheit' S. 428. 

.Nicht wenigervortbeilhaft können 
wir von jener höchst vollkommenen 
Kunst urtbeilen, die sich in allen Wer- 
ken der Natur offenbart. Unsere 
Augen, durch mechanische Kunst ge- 
stärkt, entdecken In diesen Werken 
eine verborgene Scene von Wundem; 
Welten in Wellen, unendlich kloin 
und doch an Kunst den grössten gleich, 
und schwanger von Wundem, die der 
schärfste Sinn, mit der grusslen Kunst 
oder durchdringendsten Vernunft ver- 
bunden, nicht ergründen oder ent- 
fallen kann." (S. 457,) 

„Sie ist allenthalben wohlthatig 
und gütig". (473.) 



Aufsatz über die Natur. 
,Sie ist die einzige Künstlerin: atil 
dem simpelsten Stoff zu den grÖ: 
Kontrasten; ohne Schein derAnslrei^ 
gung zu der grössten Vollendung x 
genausten Bestimmtheit, immer mit et« 
was Weichem überzogen." 



Sic wird als Ger 






„Sie macht Alles was sie giebl 
Wohlfhat," „Sie ist gütig." 



Aus der 


Zeit der SpinoM-Stadlen G'oethe's. 19 ^^M 


Einheitliche Technik der Natur. ^^| 


Shaftesbury. 


Aufsalz über die Natur. 


Herder. ^^M 


SAH stoisch gedftcht. 


Der Nach weis der ein- 


Herder giebt drei Dar- ^^M 


,Die iiDsichtbüre ätheri- 


heitlichen Technik bat 


Stellungen von der Tech- ^^H 


1 scbe Substanz ist durch 




nik der Katur, in den ^^H 


das Wellall verbreitet.' 


Betrachtung des Ihie- 


Ideen, dem Gott und ^^H 


„Sie brätst den kalten, 


risch-menschlichen Le- 


der Kalligone. Dieselben ^^M 


trägen, festen Klumpen, 


hens zur Unterlage, ist 


sind van Shaftesbury be- ^^^| 


und erwärmt ihn bis zum 


aber unb est im ölte Divi- 


dingt, er hat offenbar den ^^H 
Au^atz Natur immer zur ^^H 


i Mitlelpunlil. Sie hildel 


nation. Dies entspricht 


Minerale, giebt Leben und 


dem Jahr 1782, 


Hand, und er hat den ^^H 


Wachsthuni den Pflan/en, 


1) Sie erweckt nach 


Umgang mit Goethe be- ^^M 


facht in der Brust leben- 


unwandelbaren Gesetzen 


^^H 


diger Geschöpfe eine 


besiändigeVer&nderung. 


Kalligone, 1300, 23 ^^H 


sanfte, unsichtbare, bele- 


2) Sie legt Alles auf In- 


S. 126. „In allem näm- ^^M 


bende Flamme nn, baut, 


dividualität an „aus dem 


lieh, wo viele und man- ^H 


beseelt und nihrt die un- 


simpelsten Stoff zu den 


cherlei Mittel angewandt ^H 




grössten Contrasten, zur 


werden, um Werke her- ^^H 


Ponnen." Sie erhält die 


genauesten Bestimmt- 




Harmonie .ihren eigen- 


heit, immer mit etwas 


liehe Zusammensetzungen ^^H 


thümliehen Gesetzen ge- 


Weichem überzogen." 


in's Auge fallen, in denen ^^H 


mäsa". Dann löst sie 




bei einem System von ^^H 


dieselbe wieder in den 




ßegeln ein offenbarer ^^H 


Zustand auf, in welchem 






Alles Gott ist. 1708 war 




wir mit Recht die Natur ^^H 


1 die einheitliche Technik 




eine Kiinstlerin." ^^H 


der Natur nur in der 




Entwurf der Ideen 13, ^^M 


Astronomie nachgewiesen. 




iil: .äilenlhalben hast ^H 






Du compensiret.' ^^H 


Newton (1687) liegt der 


3} Cm sich mitzuthei- 


22, 127. ,Sie schafft ^^H 


Darstellung der Einheit 


len, Igsst sie immer neue 


indem sie zerstört und ^^H 


und Gleichartigkeit in 


Geniessar erwachsen. Der 


zerslürt indem sie schaffet. ^^H 


der Technik der Nutur 


Tod ist ihr Kunstgriff, 


Individuen lässt sie sinken ^^H 


S.460Czn Grunde. Uas 


viel Loben ?.vl haben. 


und erhält Geschlechter." ^^M 




4) Sie hat wenige 




der Organismen entstand 


Triebfedern. 




erst später. Vorbereitend: 


5) Sie freut sich au 




S.35lff. „ein allgemeines 


der Illusion. 




System, ein nusamuien- 


6) Die Geschöpfe sol- 






len nur laufen. Die Bahn 




der Dinge'. Wie das 






Weltall, so ist auch jeder 


7) Sie giebt Beilürf- 




Organismus ein System, 


uisse, weil sie Bewegun- 




in welchem dieTheile tum 


gen liebt; liiese erreicht 




Ganzen durch die Einheit 


sie mit wenigen. 




des Zweckes goordnot 






sind. Die« System ist be- 






dingt durch das Milieu, 






in dem es sich befindet. 






Das Studium dieser Ba- 










^^^^^^^H 


der Zoologie u. Botanik. 






Zu 1. 2. A. Tgl. nächstes 
Citat. Zu5.vgr.S.283:die 










Leidenschaften „die grö.ss- 






tea Jietrüger der Weil." 


^^ 


^H 



I 



Wilhehu PÜthey, 
Tielheit, Wechsel imd Tod ah Mittel der Natur, üich mitnitbeilen. 



P 




AufsLitK über die Natur. 
„Wir sind von ihr iimsclilmigeii.'' 



„Es ist ein ewiges Leben, Werdein 
und Bflwegeu in ihr. Für's Bleibeiq 
hat sie keinen BegriS'." 

„Sic lebt in lauter Kindern." , Im- 
mer lääst sie neue Geniesser erwach* 
sen." .Ibre Kinder sind ohne Zahl." 
„Der Tod ist ihr Kunstgriff, Tiel Lebea 



Shattesbury. 
jDie Urquelle des Lebens ist all- 
weit vertbeilt und tod unendlich ab- 
geänilerterUannichfalligkeit; sie durch- 
strömt die feinsten Canälc der Welt 
und versiegt nirgends. Alles lebt, 
kehrt durch beständigen Wechsel im- 
mer in's Leben zurück. Die vergäng- 
lieben Wesen verlassen ihre erborgten 
Formen und treten die Elemente ihrer 
Substanz immer neuen Ankömmlingen 
ab. Sowie die Reihe an sie kommt, 
in's Leben gerufen, schauen sie das 
Licht und vergehen im Schauen, damit 
auch andere Zuscbauer der herrlichea 
Scene werden. Freigebig und gross, 
theilt sie sich so vielen als möglich mit, 
und vervietßltigt die Gegenstände 
ihrer Güte in's unendliche. Nichts 
thut ihrer geschäftigen Hand Einhalt. 
Keine Zeit geht verluren, keine Sub- 
stanz. Neue Formen geben in^s Dasein 
hervor, und werden gleich den alten, 
zerstört, so bleibt doch die Uaterie, 
woraus sie zusam Dien gesetzt wareu., 
nicht ungenutzt, selbst in der Verwe- 
sung. Dieser verworfene Zustand ist 
bloss der Weg oder Uebergang zu 
einem b esse reu." 

Die Biliiungskraft in der organischen Welt in dem Instinkt. 
Shaftesbury. Äafeatz über die Natur. Herder. 

S. ölOff. Beweis l)aus ,Sie spritzt ihre Ge- Kalligone, Werke 22, j 

der Entstehung der Orga- schöpfe aus dem Nichts S. 126: Die Natur , 



s den Keimen, hervor und sagt Ihnen 

S) aus dem Instinct S. 51 1. nicht, woher sie kom- 

Sein Merkmal ist, dass meu und wohin sie ge- 

iu ihm die Natur uns hen. Sie sollen nur 

ohne Erziebuug belehrt laufen; die Bahn kennt 

3) aus der Vorempfindung sie," 
und demGenuss desSchü- 
neo oder Guteu im Mcu- 



iige Wirkerin.' „Di6' 
Werke der Bienen t. B. 
den Bau der Biber u. t 
nennt jeiiermann kunst- 
reich, wenn ihren Arbei- , 
tem gleich menschliche j 
Vernunft und Freiheit j 
fehlet. Wie Ihr auch die j 
Kräfte, durch welche s 
hervorgebracht sind, ne: 
nen müget; die Werke 
selbst sind kunstreich." 



Liebe und Enthusiasmus 
als höchste Aeusserung der Individuen im Universum. 
Shaftesbury. Aufsatz über die Natur. 

Die Rhapsodie gipfelt in dem die .Ihre Krone ist die Liebe. Nur 

Selbstsucht überwindenden Euihusias- durch sie kommt man ihr tuihe. Sie 
s S. 496. 532. Weise ist der, wer macht Klüfte zwischen allen Wesen, 
als Baumeister seines eigenen Lebens und Alles will sich verschlingen. Sie 



Ans der Zeit der Spin 

S hafte sbury. 
und Glücks dessen Schönheit vorwiik- 
licht. S. 539: Befraiimg von derScla- 
lerei der Selbstsucht und Leidenschaft, 
Aussöhnung mit der herrlichen. Ord- 
nung des Weltganzen, Harmonie mit 
der Natur, in Freundsehnft leben mit 
Gott und Menschen. Vgl. Brief aber 
den Enthusiasmus. W. I S. 4ff. S. 70: 
Enthusiasmus bedeutet göttliche Ge- 
genwart, alles Erhahene in den mensch- 
lichen Leidenschafteu. Weltfreiidigkeit 
Merkmal den wahren Enthusiasmus. 



1- Studien Goethe'a. 

Aufsatz über die Natur, 
bat Alles isolirt, um Alles 



zuziehen. Durch ein paar Zuge a 

dem Becher der Liehe hält sie für c 
Leben voll Hübe schadlas. 

Sie hat mich he reingestellt, i 

wird mich auch heransführeu. Ich vi 

traue mich ihr. Sie mag mit n 
schalten." 



Entstehung des Spiiiozaufsatzea. 
Am 28. August 1783 hob Goethe's Bund mit Herder an. Das 
Problem, das von nun ab für die Entstehung der Ideen von Her- 
der und der Naturaiisicht von Goethe orwücliat, kann nur aus den 
Manuscripten gelöst werden. Einige Satze können doch aus dem 
Bekannten abgeleitet werden. Das erste Buch der Ideen ist ausser 
Frage, das Problem selbst hebt mit dem zweiten an; uun las 
Herder erst üecember 178.^ die ersten Capitel des ersten Buchs 
vor; sonach war, als sein Bund mit Goethe anhob, höchst wahr- 
scheinlich das zweite Buch noch im Fluas. Dieser Thatbestand 
ist im besten Einklang mit Goetho's Aeusserung: „In dem ersten 
Bande sind viele Ideen, die mir gehören". Goethe's ernstes Natur- 
studium war aber damals schon auf seiner Höhe. Seine leiten- 
den Gedanken waren vorhanden. Er liess sich schon 1780 seine 
mineralogische Sammlung ordnen, begann die Granitabhandlung, 
begann 1781 bei Loder ein methodisches anatomisches Studium, 
suchte nach vergleichender Methode in die Technik der Natur ein- 
zudringen und entdeckte auf diesem Weg Frühling 1784 die 
Existenz des Zwischenkieferknochens beim Menschen, wovon er 
gleich Herder Mittheiluog machte. Er besasa schon den Gedanken 
des Typus, welcher der ästhetischen AidFassung der Technik der Natur 
zur wissenschaftlichen Morphologie den "VVeg öfTnete: einen Ge- 
danken, welcher von dem des allgemeinen Begriffs logisch gänzlich 
und der für Naturforschung , Geschichte, Gesell- 
schaft und Poesie eine dauernde Bedeutung gewinnen 
In dieses Fortechreiten lallt die Aufzeichnung zu Spinoza. 



1 Dilthey. 




^^^H Sie iet bei Golegenheit der Lectüre Spinoza's 

^^^B welche im Winter 1784/85 stattfand. Nun zuerst las Goethe d« 
^^^H Spinoza. Auch dsmak war diese Lectiire weder systematisch noch 
^^^1 vollständig. Geethe bekannte Jacobi (19. Juni 1785): er habe nie- 
^^^H mals die Schriften Spinoza's in einer Folge gelesen; das ganze 
^^^H Gebäude seiner Gedanken habe ihm nie völlig überschaulich voq 
^^^H der Seele gestanden: „aber wenn ich hineinsehe, glaube ich i 
^^^H zu verstehen". Wahrscheinlich bezieht sich auf diese Lektüre diQ 
^^^H Bemerkung der italienischen Reise, dass die flüchtige Losung eine« 
^^^H Buches sofort eine entscheidende Einwirkung zur Folge habenn 
^^^1 könne, zu welcher dann Wiederlesen und ernstliches Betrachter 
^^^H in der Folge kaum etwa:^ hinzuthun können. Was war 
^^^H natürlicher, als dass er mit den Augen Ilerder's den Spii 
^^^B ansah. Dieser hatte in seiner Art seit lungeren Jahren den Spinozal 
^^^H sich assimüirt. Er las ihn nun von neuem und fand seinen t 
^^H^ Eindruck bestätigt'). Er theilto Goethe seine brieflichon - 

andersetzungen an Jacobi mit und es scheint, dass Goet 
den Februarbrief eigenhändig abgeschrieben hat. „Wir sind - 
schrieb Goethe im Mai 1787 an Herder — so nah in unaern Vop^ 
stell ungs arten, als es möglich ist, ohne eins zu sein, und in c 
Hauptpunkten am nächsten" °). 

Aber es gab eine Differenz zwischen beiden , welche die Art J 
ihres ganzen wissenschaftlichen Verfahrens betraf und daher ihra] 
^^^ Wirkung überallhin äusserte. „Ich fühlte mich zu sinnlichen Be-l 
^^^L trachtungen der Natur geneigter, als Herder, der immer schnell'l 
^^^1 am Ziele sein wollte, und die Idee ergriff', wo ich kaum nooti j 
^^^H einigermaassen mit der Anschauung zu Staude war, wiewohl wir J 
^^^H grade durch diese wechsolsoitigo Aufregung uns gegenseitig förder* 
^^^V ten." Herder war der Metaphysikor. Goethe setzte die Einheit j 
^^^^ und Gleichartigkeit des Universums voraus und ging nun von dieser ' 
I Annahme aus vei^leichend, anschauend und induktiv der einheit- 

lichen Technik der Natur nach. „Willst du ins Unendliche 



') Herder 


n Jacobi 20. Dezember 1781. 


Er tlieilt 


Jacobi mit. 






") Ital. Bei 


e S. 306 fg. 17. Mai 1787. 





w 



Aus der Zeit der Spinc 



schreiten, geh nur im Endlichen nach allen Seiten." Hierbei ge- 
wahrte er, dass das Unendliche, wie der Horizont, vor dem Vor- 
wärtsschreitenden beständig zurückweicht. Durch diese Gedanken 
war er von Herder getrennt, aber noch schärfer von Spinosia. Da 
ist OS nun vom hÖchten Interesse, dass gerade diese Differenz 
Goethes von Spinoza und Herder durch die vorliegende Aufzeich- 
nung auf das hellste erleuchtet wird. Goethe war niemals Spi- 
nozist. Auchnicht ein Spinozist von Leibuizischer Observanz. Leibniz 
war, wie Spinoza, ja nach seiner schaffenden Thcilnahme an der 
Begründung einer construktiven mathematischen Naturwissenschaft 
viel tiefer und kernhafter als dieser von der construttiven Auf- 
gabe des Denkens bestimmt. Er unterwarf Alles der Macht der 
Ratio, dem Satz vom Grunde. Dagegen Goethe erkannte im Uni- 
versum, ja in jedem Individuum ein Uoerforachliches an. Nicht 
als Kantianer, sondern als Dichter, wie seine ganze Entwicklung 
uns gezeigt hat. Seine Erkenntniss der Schranken des Intel- 
lekt war nur der Refle;^ seines ganzen lebendigen Verhal- 
teos. Er sann als ein Poet über die Welt. Am nächsten staudou 
ihm Shaftesbury und Herder, weil deren Verhalten dem seinigen 
verwandt war. 

»Interpretation des Aufsatzes, 
Der Aul'satz läuft gleichsam der Ethik Spinoza's entlang sei- 
em Ziele zu. Sein Gegenstand ist die einheitliche Lebendig- 
keit des Universums, des Individuums und des aufTaasendeu Ver- 
mögens, daraus folgend die Unerforschlichkeit des Weitganzen. 
Goethe sucht sich bei der Lektüre Spinoza's, möglichst im Sinne 
dieses Denkers, die Vorbegriffe klar zu machen, welche der Er- 
kenntniss der Natur nach ihrer einheitliuheu Technik und der Ver- 
wirklichung voü Typen in ihr, allgemeiner aber welche überhaupt 
der Auffassung und künstlerischen Darstellung des Wirklichen zu 
Grunde liegen. Die leicht erkennbaren vier Theile handeln 1. von 
Dasein, Vollkommonheit und dem Unendlichen, 2. von dem Ver- . 
hältniss des beschrünkten Einzeldings zum Unend'licheQ. 3. vom 
Einzeldiag, insbesondere den organischen Wesen. 4. von der ästhe- 
tischen Auffassung und der Ei'kenntnisa des Wirklichen. 



[34 



1 DiUhey, 



f 

^^^H Den Auflgangspuiikt Goätlies bilfiet <ier Satz, mit welchem den 

^^^1 erste Abaclinitt des Aufsatzes (1 — 4) auhebt; „der Begrifl' vom 
^^^H Dasein uud der VolIkoinmeDheit ist ein und eben derselbe", 
^^^H Dieser alte, in der Tiefe des Lebens gegründete, unbeweisbare ^ 
^^^H hält das ganze System Spinoza's zusammen, er ermöglicht dei 
^^^H Fortgang von mechanischen und naluralistiscben Begriffsverzeich-il 
^^^H nuDgen zu einem Pantheismue, der eine Ethik gestattet. L. I.l 
^^^H prop. 11, zweite Demonstration: existere potentia est. L. 1, prop. 31. ' 
^^^H 1.; auB dem Eiern entarbegrifl von cauaa sui folgt: Dci potentia estl 
^^^H ipsa ipaius essentia. Macht ist aber Vollkommenheit; Prop. 11 Schol. : 
^^^H perfectio sive realitas. Daraus ergiebt sich dann: Tugend ist Thun | 
^^^H (actio im Gegensatz zur passio), Kraft, fortitudo, gaudium. Dieser 
^^^H ganze Zusammenhang war schon in der Stoa angelegt (Archiv VII, 1 J 
^^M S.78fr.> 

^^^1 Das gemeinsame Denken von Herder und Goethe assimilirtj 

^^^H sich diesen Satz in einor durch die ästhetische Ge'müthsvei 
^^^V fassung bedingten Modilikation. Herder hatte von dem Eaut des] 
1^^^ Jahres 1765 sich angeeignet, daas Philosophie ala j 

analysirbare Begriffe treffe: so Dasein, Kraft, Raum und Zeit'). Seiafl 
ästhetisches Naturelt und sein Nachteben des Dichterischen erfüllten^ 
ihn aber mit dem lebendigen Bewusstseio, wie Dasein überall Geliihtl 
seiner Seihst, Freude, Genuss und Voltkommcnheit sei. So entstand I 
ihm, in Gegensatz gegen Kant, doch auch unterschieden von Spi- i 
noza'a Verliettung des Modus, der Selbsterhaltung und des Willens, 
3 Verbindung zwischen dem Lebensgefüht und den Be- 
griffen von Dasein und Kraft. Dasein war seinem Dichtern aturcll J 
ohne quettende Kraft, Gefühl seiner Selbst und Trieb der nach | 
Entwicklung drängt, unfassbar. Shaftesbury ward ihm das C 



'j Herders Zusammenslellung von Raum, Züit und Kraft als mmnalysir- 
baren latzlen Begriffen nird durch Eant als sein Eigenthum stbon in: „Uan- 
cherlei zur Geschichte übt metakritiscbeii InTasiün' ISOO S. 63. 64 reviiidicirt 
und ist nun durch haadschriftlicben Miu^bwois als kantisch erwiesen in den 
. bei Erdmann II 133. 124. 158. Dadurch auch bestätigt Haym, 
Herder 130 ff. 




^ 




Aus der Zeit der Spinoia- Studien Goethe's. 25 

diese OemüthsverfassiiDg in ästhetischen Pantheismus umzuaetzen '"). 
So war sein Pantheismus schon da, war von Kant, Shaftesbuiy 
und Leibniz schon zu bestimmtem Bewussteein gebracht, als er 
Spinoza kennen lernte. Mit seinem ausserovdentÜclien Assimila- 
tionsvermögen eignete er sich nun diesen an. Der Goethe wohl- 
bekannte Brief au Jacohi vom 6. Februar 1784 geht vom Bogriit' 
des Seins als, dem Grundbegriff aus. Ausser der Weit kann nun 
kein Sein existiren, denn der Raum ist eine Äbstraction aus den 
Erscheinungen der Welt, daher ist ein Gott ausser der Welt Non- 
sens. Auch ist ein eingeschränkter Gott kein Gott mehr. Gott ist 
al.so entweder gamicht oder er ist der Welt immanent ' '). Nach 
dem ebenfalls Goethe bekannten Brief Herders vom 20. Dec. 1784 
an Jacobi schiiesst dann göttliches Dasein überall Genuss seiner 
Selbst ein. „Splnoza's einzige Substanz ist das ena realisaimum, in 
welchem sich Alles, was Wahrheit, inniges Leben und Dasein 
ist, intus und radicaliter vereinigt," „Was sollte Dir der Gott, 
wenn er sich nicht in Dir als in einem Organ seiuer tausend Mil- 
lionen Organo geniesset." „Er wirkt aus allen edlen Menschen- 
gestalten")". Und nun durfte Herder erklären: „Goethe hat den 
Spinoza ganz so verstanden wie ich ihn verstehe")." In 
diesem geschichtlichen Zusammenhang schrieb Goethe den ersten 
Satz des Aufsatzes uud wiederholte ihn an Jacobi 9. Juni 1785. 
„Du erkennst die höchste Realität, welche der Grund des ganzen 
Spinoziamus ist, woraus allea übrige llieaat. Das Dasein ist 
Gott." 

2. 3. In diesen Sätzen trennt sich Goethe von Spinoza, Herder 
und allen Metaphysikern, zugleich ist er in ihnen ganz einstimmig 



'") Vgl. die frühe Umdichtung der entsprechend en Stellea der Rhapsodie 
in seinem Nafurhymnus und au Merk 12. Sept. 1770. 

■') Aus Herders Naohlass 11251. 

•^ Eateprecheod Herders Gott 1787 ad Suph. S. 503: ,der reolle liogriff, 
ia welchem alle KHlfte gegründet sind, ist das Dasein." bSHebd.: , Dasein ist 
in Oott und in jedem daseienden Ding Grund und InbegriiT alles Genusses," 
552: „alle VollkommeDtieit eines Dinga ist seine Wirklichkeit; das Gefühl 
der Wirklichkeit ist der einwohnende Lohn seines Daseins, seine innige 
Freude." 

'äj In Herders Naohlass II 261 ff. 



Wilhelm Djllbey, 

mit obigem Brief. Er äussert sieb in diesem Brief nagern und nd 
gezwungen. „Vei^ieb mir, da.^s ich so gerne schweige, wenn V(H 
einem göttlichen Wesen die Rede ist, das, ich nur in und aus del 
rebus singularibus erkenne, zu deren nähern und tiefem Betracll 
tung niemand melir aufmuntern kann, als Spinoza selbst, obglei 
vor seinem Blicke alle einzelne Dinge zu verschwinden e 
„Hier bin ich auf uud unter Bergen, suuhe das Göttliche in herU 
et lapidibus." 

Ich entwickle das Gemeinsame , welches Brief und 
(2. 3. 4 und 17. 18) aussprechen. Verfulgen wir den in der J 
Behauung gebildeten Begriff von Dasein und Vollkommenheit so v 
ea uns möglich ist, so cntatebt der Gedanke der vollständig 
Existenz oder des Unendlichen; ein Grenzbegriff für unser« 
beschränkten Geist, der seine ^Fassungskraft übersteigt. „Willst < 
ins Unendliche schreiten, so geh nur ins Endliche nach allen S^ 
tfln." Unser anschauendes Wissen geht von Zusammenhang z~ 
Zusammenhang, erreicht aber niemals das Ganze. Diese Sätze 
Goethe's nehmen einen Begriff Spinoza's auf, setzen sich aber dann 
doch dorn rationalistischen Zug seines Denkens entgegen. Goetlj 
übernimmt nämlich von Spinoza die cognitio tntuitiva, welche sii^ 
über die res singulares ausbreitet. Quo magis res siugulares inte 
ligimus, 60 magis Deum intelligimus V 24. Aber diese Intuitllj 
Erkenntniss des Singularen ist bei Spinoza (und in andrer Art 1 
Herder) durch ein Begi-iffsgerust getragen, welches die unendliol 
Substanz und aus ihr das einzelne Ding definirt und bestimm 
Dieses eignet sich Goethe nicht an. Das Unendliche liegt i 
halb der Fassungskraft eines beschränkten Geistes (4. 2), Daa I 
dividuum und das vollständige Ganze haben etwas Unerforschlich| 
in sich (18. 19). So widersprochen Goethe'a Sätze der ratiooi 
listLsch conatruktiven Lehre des Spinoza von der cognitio adafl 
quata"), und sie sind in Uebereinstimmung mit dem ganzen j» 
geud liehen Goethe. 



") Prop. 471 r Uous bumaoa adiiequatam habet cognitio: 
infinitae esseutiae Dei. 



ÄQS der Zeit der Spinoza-Studien Goethe's. 



Von 5 — 13 reicht der zweite Abschnitt daa Aufsatzes, 
er handelt über das Yerhältaies des Kitizeldings zu diesem 
vollständigen Ganzen. Ich bestimme zunächst daa Verhiilt- 
niss dieser Sätze zu Spinoza. Satz 5; ,man kann nicht sagen 
daas das Unendliche Theile habe', ist aus Spinoza I, 12 und 15 
Schol.; er verwirft dort, ,sub3tantiam posse dividi', und zeigt 
die Widersprüche, die aus dem Begriff von partes der Sub- 
stanz entstehen. Satz 6: ,alle beschränkten Existenzen sind im 
Unendlichen' ist aus Spinoza's Begriff des modus geschöpft. L Def. 
5 per modum intelligo id quod in alio est, Dies Andere ist aber 
das Unendliche. I. prop. 18. Doch schon der nächste Satz (7): 
,die beschränkten Existenzen nehmen vielmehr Theil an der Un- 
endlichkeit' biegt von Spinoza ab; jTheilnehmen' ist etwas ganz 
Anderes als in Deo esse; ein rationales Verhältniss ist hier durch 
ein unerforschliches ersetzt. Ebenso steht es mit 8. 9. Zwar ist 
zunächst: ,wir können uns nicht denken, dass etwas Beschränktes 
durch sich seihst existire' aus Spinoza entnommen; lib. I. prop. 15 
Demonstratio: .Modi sine substantia nee esse nee concipi possunt.' 
Entsprechend sagt auch Jacobi im Spinozabuch S. 17; ,wir sind 
nicht im Stande uns von einem für sich bestehenden Wesen' (näm- 
lich Einzelding) ,oino Vori^tellung zu machen,' Auch der Ausdruck 
, beschränkt' für den Modus ist aus dem Sprachgebrauch Spinoza's; 
I. prop. 2b ,durch die res particulares esprimuntur Dei attributa 
certo ot determinato modo.' Aber der folgende Satz (9) ,und doch 
exiatirt Alles wirklich durch sich selbst' ist wie 6 und 14 von 
Spinoza abweichend und einer anderen Denkweise angehorig. 
Ebenso verhält sich 13: ,ein lebendiges Wesen giebt dem anderen 
Anlass zu sein.' Spinoza's berühmtes Axiom 1, 1 omnia quae sunt 
vel in se vel in alio sunt ist unter der Voraussetzng der logischen 
Bestimmbarkeit dos Unendlichen richtig; in Wirklichkeit zerschnei- 
det es den Punkt, in welchem das Leben sitzt, nämlich das Le- 
bensgefiihl des Individuums, das sich zugleich selbständig und be- 
dingt findet. Dagegen Goethe's Ausdrücke für dies Verhältniss des 
Einzelnen zum unendlichen Gauzen setzen Spinoza die Leben- 



digteit und Unerforachlielikeit des Wirkliclien entgege: 
Sie erfassen am lebeudigen EiDzeldasein dea Charakter von imms 
neüter Zweckmässigkeit uod Einheit (14), das Uneadliche und Unei 
fors(!hliclieanihm{18. 19). Das Verhiiltniss zum unendlichen Ganzei 
tiitt ans dem von in se und in alio esse in das der Theilnahmj 
an der Unendlichkeit (7. 18). Hierdurch entstehen dann in 10-11 
welche aus Spinoza, besonders aus I, prop. 26 — -28 und 16: 
Bubatantia non potest produoi ab alia suhstantia entnommen 
Modifikationen, durch welche sie von den Propositionen des Spinoi 
leise abweichen. 

Diese Abweichungen von Spinoza sind nun andrerseits Ver- 
wandtschaften mit der Vorstellungsart von Herder. Nach Her- 
ders Gott ist der Grundfehler Spinoza's, dass er die Ausdehnung zur 
Eigenschaft Gottes macht (446); geschieht dies, so können Au»5 
dehnung und Leben als ungleichartig nicht innerlich verbunden 
die Theilbarkoit Gottes kann nicht vermieden werden (448. 449)i 
Spinoza's System wird in sich einig, wenn man dem Raum dei 
selben bloa symbolischen Werth für die innere Einheit substaäi 
tieller Kräfte zuthcilt, welchen bei ihm die Zeit hat (451. 453), 



Der dritte Abschnitt, 14—19, handelt vom Einzelding, insb« 
sondere den organischen Wesen. Verwandt sind Schaftesbui 
S. 353 ff. und Herders Gott 456: „Das Ewige ist an sich selbe 
keines Masses fähig; in jedem Funkt seiner Wirkung trägt es seintf 
ganze Uuendlichkeit in sich." Vgl, 457. 489 f. Nach diesem Ab^ 
.schnitt hat das'Einzelding die „Uebereinstimmung, nach dei{ 
es existirt" in sich selbst. Aus diesem Prinzip weist Goethe dW 
Me.'tsungen der Proportionen des lebendigen Körper.i ab, wie 
der Anatomie seiner Zeit angestellt wurden. Damalige AnatomeBifl 
glaubten am Knochengerüst Proportionen in einfachen Zahfeitl 
nachweisen zn können. Insbesondre aber nahmen die über Kör-fl 
perschönheit grübelnden Künstler seit Polyklet an, die Idealschön-J 
h ei t müsse sich in einfachen Proportionen ausdrücken lassen; hier-l 
bei legten sie vorwiegend das Verhältniss des Kopfs zum ganzen 1 



Aufl der Zeit der 8 pinoia- Studien Goethe't*. 29 

Kürper zu Gruode. ") Eben damals waren Auszüge aus Vorlesungen 
Campers in der Amsterdamer Maler-Akademie ersehiooou (kleinere 
Hehriften 1784). Da Goethe Aehnlichea versucht tatte, mochten 
sie ihn interessiren. Sie beschäftigten sich ebenfalls mit Messun- 
gen. Sie unterwarfen einige herkömmliche Ergebnisse von solchen 
der Kritik, und sie gaben zugleich Gruiidziige jener Lehre vom 
Gesichtswinkel, welche dann in der berühmten Schrift von 179'2 
ausführlich dargestellt wurde. Mochten nun diese Schriften der 
Änlass sein oder lag dieser in der ganzen herkömmlichen Lehre: 
Goethe wendet sich in diesem Aufsatz zui- Ueberraschung des Lesers 
plötzlich gegen die Messungen am leliendigen Körper. Diese setzen 
einen räumlichen und von Aussen herangebrachten Masastab vor- 
aus, der lebendige Körper aber hat nur in sich selber seinen Mass- 
stab, und dieser Lst ein höchst geistiger. So lässt sich auch das 
Verhältniss des Kopfes zum ganzen Körper nicht in einem einfachen 
Zahlenverhältniss ausdrücken. Der Abschnitt gipfelt in der posi- 
tiven Darlegung, dass jedes eingeschränkte Ding im Verhältniss 
seiner Theile zum Ganzen etwas Unendliches, ganz Lebendiges und 
Unerforechliches hat. So hat der Abschnitt seinen Kern in der 
Auffassung des Individuums, seiner inneren geistigen Einheit, der 
nur ilim eigenen Beziehung seiner Theile znm Ganzen, schliesslich 
seiner Unerforschlichkeit. So klärt er die genialen Blicke des Auf- 
satzes über die Natur auf. ' 



Der letzte Abschnitt, 20—26, handelt von der Erkenntuiss 
und der ästhetischen Auffassung. Sonach correspondirt er dem 
fünften Buch der Ethik über die adäquate Erkenntuiss und die in- 
tellektuale Liebe zum Universum. Er gelangt durch ein in Spinoza 



") Ueber die Messungeo des 
Zeit orientlrt Mayer, Beschreibung des 
Ueber die Pro[hortiouen der Schönheit 
ÄUBDiessuüg des meiiachlichea Körpei 



durch Anatumen iu dieser 

aehlicheu Körpers 1783 I S. 115 ff. 

das anonyme Sdiriftoheu von der 

1759 , dnun die Disputatio qua pro- 



hatnr menBurum et proportionem membronjin corporis huraaoi 

fectionem et rigarcm mathematicam non admittere und Nicolai von der Schö] 

heit de» mcosclilicbeu Körpers I74C. 






30 



'ilbelm Diitbey. 




enthalteaes Princip vermittelst spioozistischer B^iffe zu der 1 
kenntnisäder subjektiven gestaltenden Energie im ästhetischq 
und inteUettuellen Vorgang, welche Goethe ganz eigen ist. Das i 
Spinoza hervorgehende Princip ist: Die denkende Anschauung i 
Wirklichen ist eine Aeusserung der Selbstmacht der Seele und isP 
daher von einem freudigen Gefühl begleitet. III 1: Mens nostra 
quaedam agit, quaedam vero patitnr, nempe quatenus adaequatas 
habet ideas, eatenus quaedam necessario agit. IV def. 8; Mentis 
virtus est ipsa hominis essentia quatenus potestatem habet quaedam 
efficiendi. IV 28; Est igitur mentis absoluta virtus intelligere. 
V 25: Summus mentis conatus summaque virtus est, res intelli- 
gere tertio cognitionis genere. Diese dritte Stnfe der Erkeuntniss 
ist das Begreifen der res singulares in ihrer Gesetzmässigkeit. Um 
da jede Aeusserung der Macht zn handeln (fortitudo) mit Freut 
(gaudium) verbunden ist, so ist diese Anschauung ganz mit einw 
Gefühl des Glückes erfällt und von ihm gesättigt. So enthält dis 
Princip die Möglichkeit, die ästhetischen Begriffe abzuleiten. Dazitl 
bietet sich die Stelle im Anhang des ersten Buches über den Vt^M 
Sprung des Begriffes der Schönheit dar. 1 App.: ea nobis pra 
ceteris grata sunt, quae facile imaginär! possumus etc. In diee 
einfachen tiefen und ästhetisch folgenreichen Begriffen SpinoE»"^ 
- lebt Goethe. Aber diese tbätige freudige Fassungskraft Ist noa 
nach ihm unfähig, sich des Universums anders zu bemächtigen i 
indem sie dasselbe beschränkt. So entstehen aus den verschieden^ 
Verhältnissen einer selbst mächtigen Seele zum Wirklichen die ästhw 
tischen Stimmungen des Erhabenen, Grossen und Schönen. Iiq 
Gebiet der Erkenntniss ist die Auffassung eines Gegenstandes wat 
wenn „der Eindruck aus dem vollständigen Dasein desselben eafl 
springt". Höchst merkwürdig also wie hier die Unendlichkeit, I 
bendigkeit und Unerforschlichkeit des individuellen Ganzen dei 
Begriff von Wahrheit seien subjektiven Charakter aufprägt. Wiefe 
unbedingt muss hiernach Goethe die adäquate ErkeUntuiss des Usifl 
versums ablehnen. Er endigt so mit der völligen Aufhebung 
jeder Metaphysik und Theologie. Jede philosophische oder rerJ 
ligiöae Metaphysik erklärt das für das Gewisseste, was sie am l 
quemsten denken und worin sie einen Genuss linden kann. Sein 



Aus der Zeit der Spinoza-Studien 6oethe*& 31 

Darstellung steigert sich zum leidenschaftlichen Ausdruck gegenüber 
den anmasslichen Meinungen über die Gottheit, welche ihm in der 
Person von Lavater und Jacobi soviel zu schaffen gemacht hatten 
und noch machten. Gegen sie ist der Schluss seines Aufsatzes ge- 
richtet. Hier klingt denn auch nochmals Spinoza an mit den be- 
kannten Stellen gegen die Vertheidiger der göttlichen Personalität. 
So hat Goethe die aus seiner Phantasie quellende Grundvor- 
stellung durch ernste Gedankenarbeit zur lebendigen Anschauung 
eines göttlichen, in sich verwandten und unerforschlichen Univer- 
sums entwickelt, welche als verborgene Seele allen seinen Dich- 
tungen Leben giebt. Das Ringen des beschränkten Geistes, zu Er- 
kenntniss und' Genuss dieses Unendlichen zu gelangen, ist naiv im 
ersten Faust ausgesprochen. Es ist in dem nun entstehenden 
zweiten mit bewusster Klarheit dargestellt. Der Monolog in Wald 
und Höhle ist der Ausdruck dieser neuen Stufe. 



b 



Zur Methode der Gescliiclite der PhilosopMei 

mit spezieller RücJtsiclit aui' die Metaphysik 
lies Carteiiius. 



Benno Erdniann in ndle u. 5. 

I. 

Soll der Begriff der Philosophie eine Norm für die LehrmäJ 
nungen liefern, die ihr in den einzelnen Perioden ihrer Entwick^ 
luDg zugewiesen werden müssen, so wird man etwa sagen konneau 
Philosophie ist wissenschaftliche Gesamtauffassung 
Wirtlichen. Die hen-seheudcn Züge dieser GeaamtaulTassung i 
den Voraussetzungen über den Bestand des Wirklichen zu 
nehmen, die aus der praktischen Weltanschauung unbesehen 
die theoretische Auffassung der Einzel Wissenschaften einzuAiess^ 
pflegen. Die kritische Untereuchung dieser materialen Voranj 
Setzungen unseres Erkennens bildet die Aufgabe der Erkenntnis 
theorie oder Metaphysik. Denn eben diese Probleme haben i 
unglücklich sogenannten Metaphysik stets ihr eigentliches Them 
geliefert. Je mehr demnach die Problemlösungen der übrigen f 
loHophischen Wissensclial'ten, der Logik, Ethik und Äesthetik s 
der Psychologie, mit denen der materialen Fundamentalwissenschi 
zu einem Ganzen verknüpft werden, um bo mehr wird diese i 
Seele der Philosophie. 

Wie jede Wissenschaft, so ist auch die Philosophie ihrem W«- 
sen nach systematisch. Sia sucht das Wirkliche als ein l 
lieh bezogenes Ganze unseres Erkennens als Kosmos zudeuten. 

Das Bedürfnis zu dieser metaphysischen Systematik tritt eiiif.1 




Zur Uethode der Gescbichte der Philosophie. 



33 



sobald die pinzelwiasenscliaftliclio Erkenntnis hioreichend fort- 
geschritten ist, um den Versuch einer wissenschaftlichen Gesamt- 
auffassung wagen zu lassen. Da das Bedürfnis einer religiösen 
GesamtaulTassung sich früher entwickelt, als das metaphysische, so 
ist schon der Anfang der Philosophie durch eine Wechselwirtung 
zwischen Religien und Metaphysik charakterisirt. Die Grundlage 
des metaphysischen Bedürfnisses ist die unserm Vorstellen imma- 
nente Systematik, die jedes Vorgestellte zum Glied einer Vorstal- 
lungsreihe werden, und auf dem gleichen Wege die einzelnen Reihen 
als Glieder in eine Gesamtreihe einordnea lässt. Da unser Vor- 
stellen, auch das begrüfliche Denken, mit unserm Fühlen unlösbar 
verknüpft Lst, und aus diesen beiden Elementen sich unser Wollen 
auferbaut, so ist das metaphysische BedürFois ein Seitentrieb des 
religiösen. Der Mutterboden der Metaphysik ist daher in letzter 
Instanz die tatsächliche Einheit unseres Seelenlebens. 

Niemals hat sich die Philosophie in wesentlich anderer Weise 
entwickelt als die übrigen Wissenschaften, Sie hat stets die Pro- 
bleme „geschichtlich aufgenommen und weitergeführt". Die Be- 
dingungen ihrer Entwicklung sind nur mannigfaltigere, als die der 
speziellen Disciplinen. Eben weil sie wissenschaftliche Gesamt- 
auffassuug ist, spiegelt sie in jeder Periode den gesamten Wissens- 
stand und überdies wie das sittliche Bewusstseiu so auch die reli- 
giösen UeberzeuguDgeu ihrer Zeit. Dass ein jedes philosophische 
System zugleich in besonderem Maasse die Individualität seines 
Urhebers wiederstraldt, liegt vornehmlich an den unzureichenden 
Erkenn tniamitteln, die der Metaphysik für die hypothetische Bewäl- 
tigung ihrer Aufgaben zu Gebote stohou. 

In dem Lehrbestand eines philosophischen Systems lassen sich 
demnach vei^schiedene Prublemlagen scheiden. 

Fürs erste drängt sich auch dem Philosophen eine Reihe von 
Voraussetzungen aus der Ueherlieferung aiif, die er unbesehen 
festhält, die ihm also selbstverstüniüich scheinen, weil er auf die 
Probleme nicht aufmerksam wird, die sie bergen. Wir beachten 
im allgemeinen nur, was wir vorbereitet sind zu erkennen. Durch 
diese unterste Problemlage ist das System in die breiten Schichten 
der allgemoioen Ueberliefemng eingebettet. 



34 



) Erdm 




Eins zweite Problemschicht besteht aus denjenigen, deren geg&< 
bene Löaungsvorsuche der Urheber des Systems auf Grund kriti-. 
scher Prüfung zutreffend findet, zu denen er daher feste Stellung 
niramt. Sie entstammen vor allen den Antrieben, die das geistige 
Leben seiner Zeit bewegen: den zeitgenössischen philosophischen 
und einzel wissenschaftlichen Erkenntnissen, unter den letzteren ins-i 
besondere den vorherrschenden; dem Stande der sittlichen undJ 
religiösen, unter Umständen auch der künstlerischen Entwicklunga 
weiterhin somit der gesamten geistigen Kultur der Zeit. Sie 
jedoch nicht einfach in der WeLse in Betracht zu ziehen, in doi 
sie für die Zeit überhaupt wirksam sind, sondern vielmehr 
wie der Philosoph selbst sich von ihnen ergriffen zeigt. NiohtJ 
notwendig also entspringen sie aus den vorherrschenden, agiren-l 
den, sondern auch aus den in der Stille reagirenden Antnebea.a 
Durch diese Problemlage ist daa System demnach iu den Kultur-F 
stand der Zeit eingeschichtet, der es zugehört. 

In einer dritten Schicht liegen diejenigen Probleme der all-J 
gemeinen wie der speziellen Ueberlieferung, deren Losungsversuche J 
der Philosoph selbstündig weiterführt; in tiefer fundirten £ 
stemeo auch solche, die er aua den Inbegriffen des scheinbar Selbst-^ 
verständlichen sowie des überhaupt Ungesehenen herausliest. Si« I 
geben dem System seine Höhenlage gegenüber anderen; ihnen sind] 
die Bestimmungsgründe für die geistige Kraft seines Urhebers zu J 
entnehmen. Sie sind es demnach, in die sich die Individualität,! 
des Philosophen am tiefsten eiugräbt, obgleich diese vollständiger' 
nur aus allen drei Problemgruppen rekonstruirt werden kann. , 

Das Gebiet der letztgenannten Probleme lallt endlich nicht I 
mit demjenigen zusammen, durch das der Philosoph auf die Wer- f 
deoden seiner Zeit und der künftigen Geschlechter wirkt. Die 1 
Antriebe für die historische Wirksamkeit eines Systems ent- J 
springen vielmehr der Regel nach allen drei Problem reihen. Es | 
hebt sich daher ein vierter Inbegriff von Problemen ab, de 
igslinien durch alle anderen hi ad urchzu laufen pflegen. 

Aber auch abgesehen davon vei-steht sich von selbst, dass die \ 
erstgenannten drei Problemreihou nicht reinlich von einander ge- 
ächiedeu werden köuuen. Die Fragen, die unssrm Erkeunen ge- 




Zdt Uethode der Geschichte der Philosophie. 



35 



stellt werden, hängen nicht nur systematisch an einander, aondern 
lliessen mannigfaltig in eioander über. Nicht selten finden wir 
getrennt, was wir zu vereinigen, und verbunden, was wir zu son- 
dern gelernt haben. Es ist deshalb Sache des historischen Taktes, 
jene Probleme im Einzelnen zu scheiden. 

Der historiBche Takt hängt in allen seinen Variationen, also 
auch in der eben bczeichoeten, zuletzt an der sachlichen Ein- 
sicht. Diese liefert dem Philosophen nicht weniger die Maass- 
stäbe für die Erkenntnis der Probleme und den Erkenntnis wert 
ihrer Lösungsversuche, als etwa dem Mathematiker, dem Chemiker 
oder dem Historiker. Gerade weil diese Maassstäbe in den Einzel- 
wissen sc haften im allgemeinen fester sind als in der Philosophie, 
bedeutet die sachliche Einsicht für den Historiker der Philosophie 
sogar mehr als für denjenigen, der die Geschichte einer Einzel- 
Wissenschaft verfolgt. Unvermeidlich wird allerdings eben deshalb 
die Färbung des Grundrisses der Geschichte nach der systemati- 
schen Parteistellung des Forschers abgetönt, werden sogar die 
Linien des Grundrisses selbst verschoben. Aber selbst eine weit- 
gehende systematische Befangenheit ist mehr dazu angetan, die 
wesentlichen Gedanken eines Inbegriifs von Lehrmeinungen zu Tage 
zu fördern, als die sachliche Unkunde derjenigen, denen die Phi- 
losophie in der Geschichte aufgeht. 

Nur ausnahmsweise kann die historische Gliederung der Pro- 
bleme unmittelbar dem Gefügo entnommen werden, in dem der 
Philosoph seine Lehren selbst darstellt. Der sachliche Zusammen- 
hang, durch welchen der Denker das Recht zu seinen Aufstellungen 
gesichert findet, deckt sich nur selten mit dem historischen, aus 
dem sie tatsächlich herauswachsen. Wir suchen im systematischen 
Denken nicht uns, sondern die Sache. Was uns in den Dienst der 
allgemeinen Ueberlieferung stellt, sind wir verurteilt zu übersehen. 
Die Bande, mit denen wir aa unsere Zeit gefesselt sind, pflegen 
wir nicht zu fühlen, weil wir sie von Jugend auf tragen, und das 
Frohgefühl weiter zu sehen, als diejenigen, auf deren Schultern 
wir stehen, unserer Eitelkeit schmeichelt. Aus gleichen Ursachen 
sind wir geneigt, unsere Selbständigkeit gegenüber unsern Zeit- 
genossen zu iiberschätzeu. Unsere Denkgewohnheiten endlich hin- 



k 



36 Benno Erdmann, 

ken vielfach uosero methodologischen Ueberzeuguiigen Dach, 
rade dann, wenn die lelzteren begrifl'lich ausgearbeitet sind. 

Schwierigere Verwicklungen eotspririgen daraus, dass wir ■ 
philosophischen Systeme, auch die wenigen, die uns in einer e 
relativ abgeschlossenen Darstellung gegeben sind, als sich 
wickelnde Ganze auSasseu müssen. Üiese immanente Entwicklui 
der Systeme verläuft, auch wenn wir von den Unterschiedea i 
litterarischen Ueberlieferung absehen, in sehr verscbiedenem Sir 
Glücklicher Weise selten so wie etwa bei Fichte oder Comte, Giol 
dauo Bruno oder Scbelling, dass wir mehrere wesentlich von e: 
ander verschiedne System versuche scheiden müssen. Häufig 
der Art, wie boi Piaton, Spinoza, Leibniz, Kaut, dass wir mehr 

oder weniger Entwicklungsstufen der Gedankenmasaen bis zur Ab- 

lösung von der Zeitphilosophie und der Aufstellung eines original« 
Lehrgebäudes zu trennen haben. Häufiger noch 
von der ursprünglichen Form des Systems eine spätere, modid 
cirte abtrennen müssen, wie in aufsteigender Reihe bei Hume, Scha 
penhauer, Lotze, Platon, Kant. Es ist klar, dass diese Entwicklunget^ 
deren fliessender Zusammenhang auf der Uand liegt, nicht aus 
schliesslich, sondern nar vorwiegend immanente sind, der I 
nach allerdings in grösserem Masse, als die landläufigen liistorisch^ 
Rekonstruktionen erscheinen lassen. Mehrfach sind in allen d^ 
hierhergehörigen Systemgruppen selbst die tiefer fortbildenden Ai^ 
triebe andere als die ursprünglich entscheidenden. Nicht eeltaq 
treten Momente hinBu, die einer Reaktion gegen die wisseuschaf 
liehe Aufnahme des Systems zuzuschreiben sind. 

Vorausgesetzt ist bei dem allen, dass die Ueberlieferung de^ 
Lehre in der Hauptsache vollständig ist. Die man 
thodologischen Schwierigkeiten, die je nach dem Grad und dei 
Art der Unvollständigkeit der unmittelbaren und mittelbaren 
Quellen entstehen, sollen hier ausser Betracht bleiben. 

Die Richtung dieser historischen Untersuchung geht auf diaf 
objektiven Bedingungen der Problementwicklung. Aehnlich wi«l 
in allen Gebieten der Geschichte des Menschen müssen wir hiev] 
in der Regel darauf verzichten, die psychologiachon Bedingungen 
der Entwicklung eines Systems im Geiste seines Urhebers aufzii- 




Zar Methode der Gescfalchte der Pbilosopbi' 



37 



spüren. Wer jemals einen gi'össeren Zusammenhang selbständig 
durchdacht hat, weiss, wie hoffoungslos es ist, im Einzelnen fest- 
zustellen, wann, wo und wie die Gedanken zu einem neuen Ge- 
bilde zuaammenschiessen, und weiche unter ihnen den Abschluss 
herbeiführen. Es liegt zwar cioe feinsinnige Beobachtung in der 
paradox zugespitzten Behauptung, dass die Begriffe selbst sidi be- 
wegen. Niemals jedoch ist der Denker ein blosses Gefüss-für seine 
Gedanken. Und es ist weder der kleinere noch der geringere Teil 
der geistigen Arbeit, der sich unterhalb der Schwelle des Bewnsst- 
seins, also auch ausserhalb der Sphäre des eigentlichen Denkens 
vollzieht. Wir vermögen wol gelegentlich die eine und die andere 
jener psychologischen Bedingungen so zu bestimmen, dass sie ein 
leidlich sicheres Hilfsmittel der Rekonstruktion wird. Aber selbst 
dann reicht ihr konstruktiver Eiufluss auf die psychologische Geuesis 
weder so weit noch so tief, dass er es möglich machte, den ver- 
scblungeneD Wegen der geistigen Arbeit auch nur in einem klei- 
nen Zusammenhang ernstlich nachzugehen. 

Wir müssen jedoch nicht nur, wir sollen auch auf solche 
psych ologisirende Rekonstruktion verzichten. Sie ist nur dazu an- 
getan, die Aufgaben der Geschichte zu verwirren. Denn diese 
liegen in den objektiven Bedingungen der Entwicklung, nicht in 
dem zufälligen Spiel ihres psychologischen Zusammenwirkens. Die 
geistige Enei^ie der historischen Persönlichkeiten ist eine wesent- 
liche unter jenen objektiven Bedingungen. Ihr gebührt sogar eine 
grössere Beachtung, als ihr zumeist zu Teil wird. Aber sie kommt 
hier nur soweit in Betracht, als sie sich in dem Tnhalt und 
der Form des Gedachten wirksam erweist. Die Art, wie diese 
Wirksamkeit im Einzelnen zu Stande kommt, bedeutet für die hi- 
storische Rekonstruktion gar nichts. Der Zug einei-seita nach dem 
Speziellen, andrei'seits nach Zusammenhäufung alles mÖglicheu Ma- 
terials, der unsere alternde Zeit bewegt, hat nicht bloss in der 
litterarhisforischen, sondern auch in der philosophischen Einzelfor- 
schung manche abschreckende Beispiele solcher paychologisirenden 
Methode erzeugt. Wenn irgend eine Selbsterkenntnis die tieferen 
Grunde unserer Arbeitsmängel auf dem Felde der Geistes wissen- 
ist' es die, daas wir über der notwendig ge- 




I: — ZI" 
wordenen Kleinarbeit die umfassenden Gesichtspunkte verloreol 
haben, welche die kühnen Konstruktionen dm siebzehnten und det 
beginnenden neunzehnten Jahrhunderts möglich machten. 
Wie es scheint, hat schon Kant diese Methode objektiver 
historischer Rekonstruktion im Auge gehabt. Er sagt in seiner 
Architektonik der reinen Vernunft, deren tiefsinnige Systematik 
allerdings begriffen sein will, mit deutlichem Rückblick auf seine 
eigene Entwicklung: „Die Systeme scheinen .... aus dem blossen 
Zuaammeiifluas von aufgesammelten Begrifl'en anfangs verstümmelt, 1 
mit der Zeit vollständig gebildet worden zu sein, ob sie gleich ■ 
alle insgesamt ihr Schema als den ursprünglichen Keim in der 
sich bloss auswickelnden Vernunft hatten, und darum nicht allein 
ein jedes für sich nach einer Idee gegliedert, sondern uoch dazu 
alle untereinander in einem System menschlicher Erkenntnis wie- 
derum als Glieder eines Ganzen zweckmässig vereinigt s 
Um deswegen muss man Wissenschaften, weil sie doch alle aus I 

Idem Gesichtspunkte eines gewissen aUgemeiuen Interesse ausge- I 
dacht worden, nicht nach der Beschreibung, die der Urheber der- f 
selben davon gibt, sondern nach der Idee, welche man aus der! 
natürlichen Einheit der Teile, die er zusammengebracht hat, in« 
der Vernunft selbst gegründet findet, erklären und bestimmen." 
Der Wortlaut dieser Stellen sowie der Zusammenhang der ganzen ■ 
Ausführung zwingt allerdings zu der Annahme, dass der Philosoph I 
zugleich sachliche Aufgaben im Sinne hatte, die mit denen einer l 

I lediglich nachbildenden, historischen Rekonstruktion nicht vermischt ] 
werden dürfen. 
Nur der hauptsächliche Gewinn der objektiven historischen 1 
Untei'snchung ist im wesentlichen schon von Kant zutreffend cha- 
rakterisirt. Sie allein macht es möglich, in dem Wechsel der i 
Standpunkts den Fortgang zum Höheren zu erkennen. Ein solcher I 
Fortgang muss in der Geschichte der Philosophie 
Ganze der Entwicklung Schauenden ebenso, also auch mit der ' 
gleichen Beschränkung durch das Widereinander von Aktion und ■ 
Reaktion, deutlich werden, wie etwa in der Geschichte der Einzel- 
' Wissenschaften, des sittlichen Dewusstseins und der Religion. Ge- 
wiss ist die Geschichte aller materialea Disciplinen, d. i. aller 




Zar Methode der Qesehiehte der PbiloBopbie 



S9 



N 



"Wissenschaften voa Tatsachen, eine Geschichte unserer Irrtümer. 
Älier aie iät eine Geschichte der Irrtümer, die auf dem Wege zur 
Wahrheit liegen. 

Eine Vorbedingung für die Lösung der allgemeinen histori- 
schen Aufgabe der Philosophie ist, dass die Geschichte der philo- 
sophischen Systeme durch Monographien über die Entwicklung der 
einzelnen Probleme ergänzt werde. Denn wer in der beschriebenen 
Weise zu rekonatruiren versucht, soll einerseits' die Gleichför- 
migkeit der Problemlage unter den verschiedenen systematischen 
Umhüllungen zu erkennen wissen, die den Problemen und ihren 
Lösungen als Bestandstücken verschiedener Systeme zu Teil wer- 
den. Er soll andrerseits die ünterachiede "der Problemgestaltung 
finden , die sich mehrfach hinter dem ähnlichen und selbst dem 
gleichen Wortlaut verbei-gen. Verfehlt wäre es jedoch, an die 
Stelle der Geschichte der Systeme eine blosse Zusammenfassung 
der Geschichte der Probleme treten zu lassen. Nicht nur die sub- 
jektiven Einheiten der Geschichte der Philosophie, die Individua- 
litäten der führenden Geister , gelten bei einem Kolchen Versuch 
verloren, sondern auch die objektive, die wissenschaftliche Gesamt- 
auffassung des Wirklichen. 

Es wird zweckmässig sein, diese allgemeinen Bemerkungen 
an einem speziellen Fall, der Problemlage in der Metaphysik des 
Carteaius zu erläutern. 



as erste Auftreten der griecMsclieii 
Philosophie unter den Arabern. 



liiidwig Stein iu l!ern. 

Auf der arabisch -jüdischen Linie der Philosophie, die siuh voqI 
Älexandrien abzweigt, um nach und nach in Florenz anüulaugenJ 
gibt es eine erkleckliche Änzalil vou Zwischenstationen, an denenJ 
sich politische nnd religiöse Interessen wunderlich genug begegneaJ 
und kreuzen. Auf der byzantinischen Seite der philosophischen 1 
Entwicklung bat man es in der Hauptsache doch nur mit einer J 
Nation zu thun, bier aber stossen wir auf eine buntscheckige Reihe] 
von Nationalitäten, die einander in der grossen CuUuraufgaba^ 
die wissenschaftlichen und philosophischen Ideen der Griechen ; 
hüten uud künftigen Generationen zu übermitteln, ablösen. Syrer,J 
Perser, Armenier, Araber und Juden thellen sich hier in die Auf--! 
gäbe, die hellenischen Traditionen fortzupflanzen. Antiochien, 
als Musonsitz schon Cicero bekannt war'), Apamea, Erae,sa, Lac-, 
dicea und andere syrische Städte, später besonders Berytus, Edesaa,.! 
Nisibis, Bagdad, Granada und Cordova hcissen die vornehmlichatea .| 
Städte, in denen die philosophische Tradition, genährt an der j 
meinsamen Mutterbrust der griechischen Philosophie, sich erhielt. \ 
Durch dieses bunte Völkergemisch erhält die hier zu skizzirendt 



') Rede pro Arcbia poeta eop. 3. 



Du 1. Anftreten d. griuAt. Philosophie nnter d 

Traditionskotte Leben und Farbe. An die Stelle der einsahläfern- 
deu Monotonie der Philosophie bei den Byzantinern tritt hier reges 
Entfalten neuer Gedantenkeime. Insbesondere l>ietet der jungfräu- 
liche geistige Boden der mit rasender Geschwindigkeit emporsprossen- 
den arabischen Cultur, die aber, wie wir bald sehen werden, nur 
durch die Sonne der hellenischen Wissenschaft ihr belebendes Ele- 
ment, ihre keimkraftige Triebkraft empfangt, ein glückliches Ver- 
suchsfeld neuer Ideenbildungen. Ea macht fast den Eindruck, als ob 
unter den Arabern eine Unsumme unverbrauchter und verhaltener 
Geisteskraft aufgespeichert gewesen wäre, die nur des entscheiden- 
den Moments harrte, durch ein elementares Ereigniss ausgelöst zu 
'werden. Und als Muhammed dieses erlösende Wort gefunden hatte, 
da explodirte diese verhaltene Kraft zunächst in beispiellos kühnen 
Religionskriegen. Als aber diese mit märchenhafter Expansions- 
I kraft durchgefochten waren, da machte sich das Bediirfniss geltend, 
dem strotaenden Kraftüberschuss ein anderes, edleres Ziel zu setzen. 
Und so entstand bereits ein Jahrhundert nach der Uegira unter 
der Herrschaft der Abbäsiden jenes plötzlich aber hell aufprasselnde 
Feuerwerk der arabischen Philosophie, das einzelne prächtige Ge- 
dankenraketen aufblitzen Hess, um nach wenigen Jahrhunderten 
lon kläglich zu verpuffen und in einem muliam med an isch- ortho- 
doxen Schlamm zu versumpfen. 

Seit den Erobernngsziigen Alexanders des Grossen waren in 
rien unter den Ptolemäern und Seleuciden griechische Sprache 
und Sitte so sehr eingedrungen, daas Antiochia mit dem ganz 
gräzisirten Alexandiien zu wetteifern begann. Als Syrien nach 
schweren Schicks alsschlägen im Jahre 64 v. Chr. dem römischen 
Reiche einverleibt wurde, hielt es in seinen Institutionen, wie 
in Sprache und Sitte die giiechische Tradition aufrecht. Im zweiten 
christlichen Jahrhundert war die griechische Sprach tradition unter 
den Syrern noch lebendig genug, das neue Testament in's Syrische 
zu übertragen. Dass sich die griechische Sprache in der christ- 
licherf Liturgie der Syrer forterbielt, kann nicht Wunder nehmen. 
Wichtiger ist, dass auch in der Profanlitteratur die griechische 
Sprachtradition bis in das siebeute Jahrhuudert hineinwirkt. In 
diesem Jahrhundert hat nämlich noch Jacobus aus Edessa neben 



42 



Ludwig Ste 



mehreren KirclicDachriftstollerii auch die logischen Schriften daj 

Aristoteles aus dem Griechischen ins Syrische übertragen 'J. 

Dass in Syrien die neuplatonische Philosophie besondere Pflef 
fand, darf uns um so weniger auifallen, als ja zwei der bedeutendf 
sten Häupter dieser Schule SjTien entstammten. Porphyr näm 
lieh war zu Batanea in Syrien und Jamblich zu Chalkis in CÖlat 
Syrien geboren. Auch der weniger bedeutende Schüler Jamblich'q 
Sopater, den Constantin der Grosse liinrichten Hess, war ein Syre^ 
ans Apamea. Und so entsteht eine eigene Schule von syrischei 
Philosophen. Selbst der letzte Scholarcli von Athen, Damascius, 
war ein Syrer. Dasa die Syrer eine besondere Vorliebe für die 
aus ihren Reihen hervorgegaugonen Philosophen besassen, wird 
ihnen Niemand vordenken. Wesentlich diesem Umstände dürfte _ 
es daher zuzuschreiben sein, dass Porphyrius zu unverdient grossen 
Ansehen und unvorhältnissmäasig weiter Verbreitung unter dai 
Arabern gelangt ist. Da die Araber ihre Üebersetzungen nnr durcj 
Vermittlung syrischer Aerzte erhielten, so ist es begreiflich, da« 
diese alle Veranlassung hatten, der Isagoge ihres Landsmanns Poi^ 
phyr eine möglichst grosse Verbreitung zu verschaffen. 

ÄQ der Verschiebung des Schwerpunktes philosophischer Tn^ 
dition tiefer in den Orient hinein sind politische IlnduldsamltetH 
und kirchliche Verfolgungssucht gleichsehr betheiligt. Hat doch i 
ser Justinian durch Verfolgung aller Nichtchriaten und Schliessui 
der freilich ohnehin nur noch kümmerlich dahinvegetirenden Phi4 
losophenschule zu Athen (529) den letzten Scholarchen derselben^ 
den Syrier Damascius, wie den ausgezeichoeten Commentatod 
des Aristoteles, Siraplicius, genöthigt, mit einer Anzahl neu-l 
platonischer Philosophen (Diogenes und Hermias aus Phöntkieail 
Isidorus aus Gaza, Eulalius aus Fhrygien, Priscianus) nach Persieo 
zu entfliehen'), woselbst der Sassanide Chosroes Nuachirwan deoM 
Musen ergeben war, Obgleich alle diese Philosophen nach dem! 
Fried ensschluss zwischen Persien und dem römischen Reich (ö33)[a 



') Vgl. Wenrich, De auctorum Graecornm vereioiiitnis et Commentaritfl 
Syriacis Ärabicis Arcneniacis Persisque CainmenlAtia Leipiig- 1843 p. 7. 

■) Vgl. Ägathiaa, de iraperio et rebus gestis Justiniani 11, cap. 30 — 31,1 
od. Niebubr p. 131 ff. 



I 



Das 1. Änftraten d. grieeh. Philosophie unter d. Anbern. 43' 

wiedßr nach OrtechGiilaiid ziiriickkehrten, so hinterliessen sie doch 
Spuren ihres Daseins. Am Hofe eben dieses Chosroes wirkte der 
Syrer Uranius, der, anl'Geheiss seines Gönners, dessen Lieblings- 
fichrifteteller Piaton und Aristoteles in's Peraiaehe übertrug*). Es. 
hat indes» für unserii Zweck wenig Bedeutung, diese persische 
ÄusBweigung der griechischen Litteratur weiter zu verfolgen, zumal 
dieses dürftige ßächleiu bald genug veraandete. Will man freilich 
einzelnen fragwürdigen Berichten glauben, ao wären auch durch 
persische Debersetzungen, die später von Abdullah ben Almokaft'a 
in's Arabische übertragen wurden, einige medizinische und logische 
Werke des griechischen Alterthums in die muselraännische Cultur 
binübergerettet worden. Aber einmal sind schon diese Berichte 
wenig zuverläasig, andermal würden sie, wenn sie selbst besser 
beglaubigt wären, von nur geringem Belang für unsere Zwecke 
sein. Suchen wir doch nur jene Cultui-wege anf, die, wenn auch 
nach vielen Krümmungen und zickzackartigen Windungen, immer- 
hin vorwärts führen und mittelbar in die Keuaissance, weiterhin 
in unsere philosophische Entwicklung einmünden. Das lässt sich 
indess weder von der persischen, noch von der ai'menischen 
Uebersetzer-Litteratur nachweisen, wenngleich die Perser ihre Aka- 
demien in Nisibis und Gandisapora, und die Armenier schon 
an der Wende des 5. Jahrhunderts einen so bedeutenden In- 
terpreten des Aristoteles aufzuweisen hatten wie David den 
Armenier*}, Da ein merklicher Einfluss dieser beiden Culturon 
auf den Entwicklungsgang der arabischen Philosophie nicht nach- 
weisbar ist, so verlieren sie sich eben für uns in Sackgassen, die 
weiter zu verfolgen dem Zweck dieser Untersuchungen durchaus 
nicht entspricht. 

Von desto einschneidenderer Bedeutung Lst aber für uns die 
syrische Linie, die unmittelbar in die arabische hinüberführt. 
Dass die Syrer in den ersten christlichen Jahrhunderten im Gno- 
stiker Bardesanes und in Ephraem Syriis eine bemerkens- 

') Ibid. n, cap. 28, p. 126. 

ä) Vgl. über ihn C. F. Neumann, Memoire sur la vie et les ouvrages de 
David, Paris 1829, p. 54. Seine Schrillen aiud z. Tb. abgedniokt in Brandis 
ScbolieuBaoimlung des Aristoteleii. 



werthe Uttörarische Vertretung besassen, ist bekannt. Weniger^ 
bekannt ist es indess, dass im fünften Jahrhundert die grtechischafl 
SprachtraditioQ an der syrisciieii Akademie zu Edessa noch kräftig 1 
genug nachwirkte, so dass die Lehrer dieser Akademie, Curaas und I 
Probus, sowie das Kirchonhaupt Hibas eine Ueberaetzung derl 
Schriften des Aristoteles in'a Syrische veranstalten konnten'). 

Doch sollte die Akademie zu Edessa sehr bald ein trauriges ,] 
Ende nehmen. Die unseligen Kirchenspaltungen, die den ersten J 
christlichen Jahrhunderten eine so wenig anmuthende Physiognoniie 1 
verleihen, haben auch dieser Pftanastätte hellenischen Geistes ein I 
jähes Ende bereitet. Als nämlich der Presbyter von Antiochiea 1 
und nachmalige Patriarch von Oonstantinopel, Nestorius, diel 
Jungfrau Maria nicht als Goltasgebärcrin, sondern nur als Christus- | 
gebärerin anerkennen wollte, beschloss das Concil zu Epheaos, die 
Ketzereien des Nestorius zu verdammen. Sogleich bildete sich im 1 
aufgeklitrten Edessa, wo durch die Pflege des griechischen Geistes I 
eine etwas freiere Luft wehte, eine nestorianische Gemeinde (435), ] 
welche die Ketzereien des Nestorius freudig aufgriff und für diaJ 
neue Lehre Propaganda zu machen suchte. Die orthodoxe Kirche I 
trat jedoch diesen seotirerischen Gelüsten mit der ihr eigenen Schroff- 1 
heit entgegen. Die Lehrer der Akademie zu Edessa, nestorianische 1 
Christen, wurden verbannt, die Akademie selbst aufgehoben, und J 
so Tnussten die flüchtigen Nostorianer ebenso im gastfreundlichen J 
Persien eine Zuflucht suchen'), wie die neuplatoniachen Philosophei 
vor der Verfolgungssucht Justinians. Die bitteren Lehren, welche J 
die christliche Kirche durch Mark Anrel und Diocletian erhalten | 
hatte, waren in alle Winde zerflattert. Aus dem Verfolgten, der J 
noch kurz zuvor unter Jnlianus Apostata erproben konnte, ein wie j 
tiefes Weh die Religions Verfolgung hervorzurufen vermag, wurde | 
gleichwol ein noch grausamerer Verfolger. 

Im heidnischen Persien konnten die verfolgten nestorianischen | 
Christen ebenso ungestört ihrem Glauben leben, wie später an den ' 
Höfen der Chalifen. Was die eigene Kirche nicht duldete, hat die | 



^ Assemann, Bibl. 



I. III, Th. !, p. 85; Tgl. dazu Wenrich l. c 



^ Ebenda Bd. H, i02, und Bd, III, Th. I, 376 und 373. 



Doa 1. Auftreten d. grieeh. Phjluopbie nnter d. Arabern. 



451 



I 



feindliche uubedenklißh gewähren lassen. Die aus Edessa vertrie- 
benen nestorianischeD Gelehrton, die nach Mesopotamien, Arabien 
und Persien geflohen waren, konnten an den persischen Altaderaien 
zu NisJbis und Gaodisapora ') ihrer Uebersetzerthätigkeit ungehin- 
dert obliegen. Zu ümeo gesellten sich noch die gleichfalls ihi'es 
Glaubens wegen von ihren eigenen Religionsgenossen verfolgten 
Jakobiten, deren Patriarch, Athanaaius II,, noch im 7. Jahr- 
hundert unter Anderem Porphyre Isagoge in's Syrische übersetzte. 
Unter den persischen Königen erfreuten sich diese Flüchtlinge 
grosser Beliebtheit; sie wurden zu hohen Staatsämtern zugelassen 
und zuweilen zu Gesandtschaften verwendet. Ganz besondere 
Schätzung aber besassen sie als Aerzte. Es ist uns eine statt- 
liche Liste von syrischen Acrzten aufbewahrt, die ihre Kunst au 
den Höfen der Grossen mit Auszeichnung ausgeübt haben. Diesen 
syrischen Aerzten war nun durch das Zusammentreffe q wultge-' 
schichtlicher Ereignisse eine Cultnrmissiou ersten Ranges vor- 
behalten. 

Im siebeuten Jahrhundert brauste nämlich der Sturmwind mos- 
lemischer Begeisterung mit orkanartiger Wildheit über den Orient 
dahin und l'egtu Alles fort, was sich ihm widersetzte, scheute jedoch 
Alles, was sich ihm unterwarf. Schon wer vorsichtig genug war, 
gleich beim Herannahen des Sturmwindes eine höfliche Kniebeugung 
zu machen, blieb unbehelligt. Wenigstens Mden wir die Nestorianer, 
die sich jetzt chaldäische Christen nennen, schon an den Höfen 
der ersten Chalifen als Aerzte thätig, ohne dass sie ihres Glaubens 
wegen Bedrückungen ausgesetzt gewesen wären. 

Theologisches Schulgezänk blieb natürlich bei den Moslemin 
so wenig aus wie bei den Christen. Noch ruhte das Schwert nicht 
in der Scheide und schon entstanden im Schosse der kaum flü^e 
gewordenen Religion Meinungsverschiedenheiten über die starre 
Prüdestinationslehre des Korän'J. Zu Anfang des S.Jahrhunderts 
(728) wurde denn auch schon eine Anzahl moslemischer Ketzer, 



^ üeber diese Akademie vgl. Scbalze, dispuUUo de Gandisaporä, in 
Cominent aociet. scieiit. Petropol. vol. SJI, Wenrich p. 10. 

') Vgl. meine WilleDsfreiheit bei den jSd. Philosophen des Mittelalters, 
Berlin 18tJ2, S. 4. 



46 Ludwig Stein, 

welche die Willensfreiheit lehrten, gekreuzigt *°). Auf einen völlig 
anderen Boden wurden indess diese Debatten gestellt, als die Ara- 
ber durch die Vermittlung der syrischen Aerzte die philosophischen 
Schriften der Griechen kennen lernten, und dies geschah bald genug. 

Die Abbäsiden, Nachkommen Abbas' L, des Oheims Muham- 
meds, mussten unter der Herrschaft der Omejjaden in Arabien, 
Mesopotamien und Persien ein Asyl vor den Nachstellungen ihrer 
Feinde suchen, und da diese Gegenden gerade von den Nestoria- 
nern bevölkert waren, machte es sich von selbst, dass die zur 
Thatenlosigkeit verurth eilten Prätendenten sich den auf einer hö- 
heren Culturstufe befindlichen Nestorianern anschlössen^^). Und 
als die Abbäsiden 749 zur Herrschaft gelangten, da war nichts 
natürlicher, als dass sie die ehemaligen nestorianischen Freunde 
als Aerzte an ihre Höfe zogen und in jeder Weise auszeichneten. 

Gleich der zweite Abbäside, Abu Gafar I., bekannt unter dem 
Namen Almansor (der Siegreiche 754 — 775), nimmt einen mäch- 
tigen Anlauf, die hellenische Cultur auf moslemischen Boden zu 
verpflanzen. Er hatte seine Jugendjahre in Persien im Verkehr 
mit Nestorianern verlebt. Nach seinem Regierungsantritt zog er 
die berühmtesten syrischen Aerzte an seinen Hof und veranlasste 
dieselben, die von ihnen ins Syrische übersetzten Werke der Grie- 
chen ins Arabische zu übertragen. Nach einem Berichte des Ibn 
Chaldun sollen die Elemente Euclid's das erste ins Arabische 
übersetzte Werk gewesen sein. Dass bei dieser Uebersetzerthätig- 
keit Astronomie und Philosophie ebensosehr betheiligt waren, wie 
die Medizin, darf uns nicht Wunder nehmen. Der Arzt jener 
Tage war eben nicht einseitiger Repräsentant seines Faches, son- 
dern Träger des Bildungsinhaltes seines Zeitalters. Die meisten 
Philosophen der arabisch-jüdischen Epoche waren von Beruf Aerzte. 
Es war daher ganz begreiflich, dass die syrischen Aerzte, durch 
Mäcene zu üebersetzungen aufgemuntert, ebensosehr philosophische 
Schriften wie medizinische bearbeiteten. Ob diese üebersetzer 



*o) Vgl. Dugat, Philoso phes et theologiens musulmans, Paris 1879, p. 43. 

^0 So erklärt mit sehr einleuchtenden Gründen Jourdain, Recherches 
critiques sur l'äge et Forigine des traductions latines d'Aristote, Paris 1843; 
p. 81 den Vorgang. 



QiB 1. Auftreten d. grlecb. Philosepbie unter d, Anbsm. 



47 



nur aus dem Syrischen oder auch direct aus dem Grriechiachan 
ins Arabische, übertragen haben, lässt sich schwer feststellen. 
Wollte man Äbu'lfarag glauben, dann hiitte Theopliil aus Edessa, 
der am Hofe Almahdi's, des Nachfolgers von Almansor, gewirkt hat, 
noch genügend griechisch verstanden, zwei Bücher der Ilias in'a 
Syrische zu übertragen "). Äilein mögen auch einzelne dieser Ueber- 
setzer noch leidlich griechisch verstanden haben, so dürften sie doch 
in ihrer überwiegenden Mehrzalil den syrischen Text ihren TJeber- 
setzungen zu Grunde gelegt haben. 

Die mit Almansor einsetzende bildungafreuudliche Tradition 
wird von seinen Naclifolgern respectirt. Der Cbalif Harün-ar- 
Raschid (der nGerechte" 796—809) nimmt dieselbe in grossem 
Stile auf. Es entstehen im neuen Musensitz Bagdad ganze Ueber- 
setzerschulen. Ihren Höhepunkt erreicht diese Bewegung unter 
Almamün (813—833)'^). lu jenem Jahrhundert, das man als 
das dunkelste der byzantinischen Ciilturentwioklung bezeichnet hat, 
fasst Älmamun den grandiosen Plan , allerorts wissenschaftliche 
Manuskripte aufzuspüren, ja er soll an die römischen Kaiser 
mit der Bitte herangetreten sein, ihm sämmtliche philosophische 
Werke, die aufzutreiben seien, zu übersenden"). Diese Liebe zur 
Wissenschaft hatte unt«r den Abbäsiden nach und nach so tiefe 
Wurzeln geschlagen, dass selbst ein so zügelloser und blutdürstiger 
Geselle wie al Muttawakkel (847 — 861) nicht umhin konnte, 
die litterarischen Traditionen seines Hauses nicht bloss zu behaup- 
ten, sondern sogar noch zu steigern. Denn unter ihm und mit 
seiner Unterstützung wirkte der erfolgreichste Uebersetzer, Ilonain 
beu Isaac, der in Alesandrieu die griechische Sprache erlernt 
hatte, daneben aber auch die syrisclie, persische und arabische 
Sprache gleich gut beherrschte'*). Honain und sein Sohu Isaac 
haben eine geradezu staunenswerthe Uebersetzertliätigkeit entfaltet, 

") Vgl. Äbulfarag, bist, dynast. p. 228 arab. Text, p. 148 lat Uebers.; 
Wenrioh I. c. p. 14; über die Streitfrage, welche dieser Bericht hervorrief, 
vgl. Wenrich ib. p. 74 f. 

") Vgl. Buhle, de studiis litteraniin graccarum inter Ärabes ioitüs et »• 



ntiouibuB, i 






. Gutt. Vol. XI. p. 21(;f. 



") Abolfarag, I. c. p. 241) arib. Test, p. I(i0 lat. Uebera. 



48 



Ludwig Sie 



und zwar sowohl am dem CriechiMchen ins Syrische, wie aus dem 
Sjrischca in's ArabJäcbe. Das Mei:ite, was den Äi-abem aas der 
[ihiloäophiächen Litteratur der Griechen, ioäbesondere von den 
Schriften des Aristoteles, bekannt geworden ist, rührt bereits von 
dieser Ueberaetzerfarailie her. Es gab ja später elegantere und 
geschmackvollere Üebersetzer, wie Jahja ben Ädi, Kosta ben 
Ivuta, Tbabet ben Korrah; aber Ilonain ben Isaac gebührt 
doch die Palme. Denn einmal gehörte er zu den Bahnbrechern 
dieser Richtung, andermal hatte er den Vorzug, dass er vortrelF- 
lich griechisch verstand, was seinen arabischen UebersetKungeu 
sehr zu Gute kam. Tritt nun noch hinzu, dass er auch an Umfang 
der Leistungen alle üebersetzer uberragle, so wird man nicht 
anstehen, Honaiu ben Isaac trotz der au sich untei^eordnoten 
Uebersetzerthätigkeit mit Riick.sicht auf die Continuität der Geistes- 
entwicklung eine centrale Stellung anzuweisen. Er bat für die 
Araber etwa das geleistet, was der eine Zeitgenosse, Photios, für 
die byzantinische, und der andere, Johannes Scotus Erigena, 
für die christliche Scholastik vollbracht haben. 

Wer die Continuität des Geisteslebens im Hittelalter bezwei- 
felt, und /.wischen der Antike auf der einen, und der Renaissance 
auf der anderen Seite nur ein geistiges Vacuum zu sehen geneigt 
ist, der sollte auf folgendes merkwürdige Zusammentreffen achten. 
Um die Mitte des neunten Jahrhunderts, das gemeiniglich als 
eine dunkle Epoche der Culturentwickluug ausgegeben wird, leben 
gleichzeitig auf den drei Qauptlinien der Cutfurentwicklung drei 
Männer, die, ohne dass der Eine von der Existenz des Anderen 
etwas geahnt hätte, ungefähr um dieselbe Zeit den Anstoss 
zu neuen Gedankenbilduugon geben. Es ist wohl noch nicht 
auf deu merkwürdigen Umstand hingewiesen worden, dass Photios, 
Johannes Scotus Erigena und Honain ben laaac Zeitgenossen waron, 
die gleicherweise um die Mitte des neunten Jahrhunderts ihre Wirk- 
samkeit entfaltet haben. Photios bestieg den Patriarchen thron im 
Jahre S57, Johannes Scotus war im Jahre 858 schon ein berühm- 
ter Mann"), und Honain ben Isaac entfaltete seine grandiose 

") Worte Staudeomaiar'H, Johannes Scotus Erigeiia u. die Wisseuscbaft 
aeiuer Zeit, Frankfurt a. M. 1834, I, 156 f. 



Das l, Aaffrflten d. (friwh. PhiliMopfai« unter d. Arabern. 49 ■ 

Ifeberaetzerthätigkeit unter der Regiorungazeit al Muttawaltkel's 
(847—861)"). Eh steht demnaofa fest, dass Photios in döiistan- 
tinopel, Johanneä Scotus in Paris, und Honain in Bagdad fast um 
die gleiche Zeit, vielleicht gar im gleicheu Jahr7.ehtit, auf allen 
drei Liniea der CuItureiitwickluDg eine neue Epoche begründen. 
Alle drei Reformatoren sind aber von der griöchisühen 
Philosophie ausgegangen. Und zwar ruhen diese drei Män- 
ner, ganz unabhängig von einander, auf der gleiulien aristotelischen 
und neuptatoniachen Basis. Photios geht auf Aristoteles zurück, 
stützt !4ich aber in seinen diitleu tischen Arbeiten hauptsächlich auf 
Porphyrios, Ammonioa und Johannes von DamuMkos'*); Johannes 
Scotus geht gleichfalls auf Aristoteles zurück"), daneben aber auch 
vorgngsweiae auf Dionys den Areopt^tten, den er aus dem Griechi- 
schen in's Lateinische äben*et7,t, und Maximus Confessor, den Com- 
mentator des Areopagiten. Honain endlich übersetzt Aristoteles aus 
dem Griechischen in's Syrische'"), daneben aber auch Alexander 
von Aphrodisias "), Porphyrs Isagoge"), die sehr bald ein Lieb- 
lingsbuch der Araber werden sollte, sodann in's Arabische Platon's 
Politik und Geaetze"). Ternor lugische, naturwissenschaftliche und 
ethische Schriften des Aristoteles"), daneben aber auch The- 
mistius"). 

Diese Zusammenstellung beweist klürlich, dass um die Mitte 
des neunten Jahrhunderts an den drei Culturzentren des Mittelalters 
— Constan tinopel, Paris und Bagdad — die aristotelische und neu- 
platonische Tradition in unmittelbarer Anknüpfung an die 
griechischen Texte wieder aufgenommen und nunmelu- in leb- 
hafterem Tempo weitergeführt worden sind. An einem anderen Orte 
werde ich die Coutinuität der griechischen Philosophie bis in's neunte 

1^ Abulfarag, I. o, p. 2Gaf. arab. Test, p. 17lt. lat. Uebers. 

") Vgl Krumbacher Gesch. der byMntioiBclieu Litteratur S. 224. 

") Slaudenmaior a,. a. 0. S. 288 u. ö. 

") Vgl. Wenrich, a. a. 0. S. 69, 126, 129. 

") Ebenda p. 275. 

'") Ebenda p. 280, 

") Ebenda p. 117, 118. 

") Ebenda p. 131, 134, 13«.. 

'"■) Ebenda p. 287. 

4 



50 



Ladwig StflTi 



Jahrhuniiert verfolgen und auizeigeii, das,« der geistesgeschiclitlichl 
Zusammöuliaug bis zu diesem Jahrhundert keine Unterbrechung ei 
fahren hat. Und 80 darf ich es ■wol als Bestätigung des Hauptgedan- 
kens, von welchem diese Untersuchung beherrscht wird, anlachen, 
dass in di&sem vielfach als unfruchtbar verrufenen neunton Jahr- 
hnndert sich die drei entscheidenden Persönlichkeiten auffinden'] 
Hessen, welche — gleicherweise von der griechischen Philosophü 
ausgehend — auf den drei Culturlinien des Mittelalters nnabhäugi) 
von einander die Cuntinuität der griechisehen Gedankenwelt nichl 
bloss aufrechthalten, sondeiTi auch zur Fortbildung und Umbildung' 
derselben in durchgreifender Weise den Ansporn geben. 

Je träger und seichter aber der nur dürftig gespeiste byzan- 
tische Gedankenstrom dahinfioss, desto frischer und lebendiger 
entfaltete sich der arabische. Aus dem theologischen Schulgezänk, 
das die starre Prädestinations lehre des Koran, wie oben bereits 
angedeutet, hervorgerufen hatte, wurde eine regelrecht ausgebildel 
Philosophie, sobald den Arabern durch die UebersetKungen di 
syrischen Äerzte der Zutritt zur griechiscben Philosophie erÖffm 
war. Hatte bisher der Widei-streit der von Muhammed dogmatisck' 
behaupteten Prädestination mit der von einzelnen Gläubigen gefor-' 
derten Willensfreiheit das wesentlichste Streitobjeet des sich dog- 
matisch befestigenden und ausbauenden Mnhammedanismua 
geben'*), so erfuhr der Ideenkreis der muhammedaidschen Theologe! 
in dem Augenblick eine gewaltige Beroiiiherung, als ihnen ein 
Einblick in die reiche griechische Gedankenwelt erschlossen wurde. 
Wie früh dies bereits der Fall war, dürfte folgende CombinatioB. 
ergeben. 

Der erste Araber, von dem man, soweit ich es übersehen kann, 
mit Sicherheit nachzuweisen vermag, dass er die griechischen Phi- 
losophen bereits gelesen und benutzt hat, war der Mu'tazilit IbrS- 
him ben Sajjär an-Nazzäm, dessen Wirksamkeit um das Jahr 
220 der Hegira bezeugt ist"). Seine Bluthezeit fiillt demnach lü 



1 



^^ Vgl. Steiner, die Mu'tazililan oder die Freidenker 
1865, S. 48ff. 

") Vgl. Abulmah4fia I, p. 655; Steiner a. a. 0. S. 56. 



Das 1. Auftreten d. griech. Philosophie unter d. Arabern. 51 

das Jahr 835^®). Von an-Nazzäm aber sagt Schahrestäni aus- 
drücklich „er hat diese Meinung nur von den alten Philo- 
sophen entlehnt""). Wenn daher der um 835 lehrende an- 
Nazzäm bereits griechische Einflüsse erfahren hat, so müssen ihm 
schon die ersten üebersetzungen des Honain b. Isaac zu Gesicht 
gekommen sein. Seinen Lehrsätzen, die freilich nur in kümmer- 
licher Gestalt auf uns gekommen sind, merkt man indess selbst in 
dieser ihrer dürftigen Form schon die läuternde Wirkung griechischen 
Denkens an. Er verwirft alle anthropomorphischen und anthro- 
popathischen Definitionen der Gottheit, die seitens der orthodoxen 
Anhänger des Ealäm aufgestellt worden sind, und bescliränkt die 
Allmacht Gottes dahin, dass Gott das Böse, auch wenn er es wollte, 
nicht vollbringen könnte, weil eine so weitgehende Allmacht, die 
auch die Möglichkeit des Bösen einschlösse, dem weit höheren 
Begriff der Allgerechtigkeit, den er als Mutazilit natürlich in 
den Vordergrund stellt, widersprechen und ihn eben damit aufheben 
würde. Er beschränkt also den göttlichen Willen zu Gunsten der 
göttlichen Gerechtigkeit, aus welcher er alsdann Gesetz und Ord- 
nung im Lauf der Welt ableitet ^^) — ein Gedankengang, der spä- 
ter bei Voltaire fast in derselben Fassung wiederkehrt.^*) 

Die weitere Entwicklung der griechischen Philosophie unter 
den Arabern bleibt einer späteren Untersuchung vorbehalten. Hier 
kam es nur darauf an, den ersten philosophirenden Araber auszu- 
mitteln, der die Einwirkung der griechischen Philosophie nachweis- 
lich an sich erfahren hat. 



^^ Rechnet man zur Hegira (622) die 220 muhammedanische Jahre hinzu 
(220—7), so ergibt dies das Jahr 835 der christlichen Zeitrechnung. 

29) Schahr ed. Cureton, 1842, I l^'v letzte Zeile: 

Vgl. auch die deutsche üebersetzuiig bei llaarbrücker, I, 54. Ueber die Lehren 
des an-Nazzäm findet sich noch Einiges bei Mawakif ed. Sörenseu ; vgl. Steiner 
a. a. 0. S. 56. Vgl. auch G. Flügel, Disscrtatio de arabicis scriptorum Grae- 
corum interpretibus, Misenae, 1841. 

3«) Vgl. Steiner a. a. 0. S. 57. 

3') Vgl. D. Fr. Strauss, Voltaire, S. 236.